Protestanten und Katholiken: „Allein die Schrift“ – ein falsches Prinzip?

„Allein die Schrift“ – dies ist ein Haupthindernis in der Verständigung zwischen den Protestanten und den traditionellen Kirchen. Für den Protestantismus ist das Prinzip „Sola scriptura“ schlechthin ein Dogma. Ohne dieses Verständnis führt jedes ökumenisches Gespräch zwangsläufig zu Missverständnissen und früher oder später wird bei theologischen Diskussionen dieses protestantische Denken die Frage aufwerfen: „Wo steht das in der Bibel?“. Wird keine entsprechende Bibelstelle genannt oder widerspricht die Auslegung der Interpretationspraxis seiner Gemeinde, weiß der Protestant, dass der Gesprächspartner unrecht hat. Aufgrund fehlender Schriftbelege  fallen deshalb für einen Protestanten Marien- und Heiligenverehrung, das Papstamt, die Apostolische Sukzession, das Fegefeuer sowie fünf der sieben Sakramente weg.

Diese theologische Reduktion auf das allein Wichtige im Glauben anhand der Schrift trennt nicht nur Katholiken von Protestanten. Sie trennt den Protestantismus von allen Teilkirchen, die unmittelbar aus der Urkirche hervorgegangen sind, von den von Rom getrennten Ostkirchen ebenso wie von den Altorientalen (Orthodoxe, Nestorianer, Monophysiten, etc.). Auch die Apostel wandten „Sola-scriptura“ nicht als Auslegungsprinzip an, sondern es ist eine spätmittelalterliche Idee, die erstmals von Petrus Valdes und den Waldensern proklamiert wurde. Das protestantische Extrem schneidet sich damit von den Wurzeln apostolischer Tradition ab.

Im protestantischen Selbstverständnis liegt die Gewissheit durch Luther die Bibel und damit den einzig verlässlichen Zugang zu Glaubenswahrheiten zurückgewonnen zu haben. „Evangelisch“ bedeutet: Wir kennen das Evangelium und können danach leben, im Gegensatz zu den „Altgläubigen“, den Katholiken. Ihnen wird vorgeworfen die Bibel zu verfälschen und zusätzliche Lehren hinzuzufügen. Die Reformation sah sich in der Pflicht das klare und reine Gotteswort wieder herzustellen und von menschlichen Zutaten zu reinigen. Dazu diente Luthers deutsche Bibelübersetzung, die als Volksbuch zugänglich gemacht wurde. Allerdings gab es zuvor auch schon katholische deutsche Bibelübersetzungen, die frei zugänglich waren (allerdings auch zu teuer für das „gemeine“ Volk, das zudem kaum lesen und schreiben konnte).

In der Auseinandersetzung mit dem Protestantismus wurde sich die kirchliche Theologie im Osten wie im Westen wieder neu bewusst, dass die Heilige Schrift eine Frucht der Kirche ist und nicht umgekehrt die Kirche eine Schöpfung durch das Wort (creatura verbi). Zuerst war es die Kirche, die bereits seit Jahrzehnten ihre Gottesdienste feierte, Sakramente und sakramentähnliche Riten praktizierte und das Evangelium von Jesus Christus verkündigte, lange bevor Paulus seine Briefe und Evangelisten ihre Evangelien schrieben. Was darüber nicht in der Bibel steht, ist nicht das Unwichtige, sondern damals das Unstrittige. Die Kirche konnte sich in dieser prägenden Anfangszeit natürlich nur nach den Lehren der Apostel richten, die mit Jesus unterwegs waren und ihn und seine Lehren persönlich kennengelernt hatten.

Die protestantische Vorstellung geht davon aus, dass nach dem Tod der letzten Augenzeugen die neu entstandenen neutestamentlichen Schriften nahtlos an ihre Stelle hätten treten sollen und zur Richtschnur für das Gemeindeleben werden. Stattdessen rissen aber nun nach dieser Sichtweise die Bischöfe und die „Amtskirche“ die Macht der jungen Kirche an sich und verschuldeten über die nächsten 1500 Jahre den Verlust des klaren Wortes Gottes, bis die Reformatoren es wieder entdeckten.

Dabei wird übersehen, dass die Gemeindeleiter und Apostel natürlich auch ohne neutestamentliche Schriften wussten, wie man tauft (das steht nämlich auch nicht in der Bibel), wie man Eucharistie feiert (Paulus beantwortet gegenüber den Korinthern nur einige Spezialfragen, um Missbräuche abzustellen), oder wie man das kirchliche Amt weitergibt (in der Bibel wird dies nicht näher erklärt, sondern als bekannt vorausgesetzt). Bischofsamt und Sakramente mussten nirgends gegen Widerstand durchgesetzt werden. Dies wäre aber zu erwarten gewesen, hätten es sich um „unbiblische“ Neuerungen gehandelt.

Die Kirche war Instrument des Hl. Geistes für die Schaffung der Heiligen Schrift und die Festlegung des Kanons, d.h. welche Schriften in das Neue Testament aufgenommen werden sollten. Die Kirche erfand nicht die Heilige Schrift, aber sie hat sie gefunden. Es ist die altkirchliche Überzeugung, dass diese Kirche die Pflicht hat, die Bibel im Sinne der Apostel auszulegen. Eine Trennung von dieser Tradition der Kirche führt unweigerlich zu einer Privatisierung der Auslegung, die in eine unübersehbare Vielfalt von protestantischen Gemeinschaften mündet. Alle berufen sich zwar auf die Heilige Schrift (in ihrer jeweiligen Auslegung), sind sich jedoch in zentralen Fragen uneins. Damit besitzen sie auch nicht die Legitimation den Leib des Herrn weiterhin zerteilen zu können.

Anzumerken sei zudem, dass Katholiken und Protestanten nicht dieselbe Textgrundlage für die Heilige Schrift verwenden. Die Kirche hält sich seit der Zeit der Apostel an die ältere griechische Übersetzung des Alten Testaments (Septuaginta). Luther hingegen übersetzte aus der hebräischen Fassung, die das Judentum seit der Trennung von den Urchristen verwendet und in der Abgrenzung zu ihnen favorisierte. Die lutherische Fassung des Alten Testaments bezeichnet deshalb einige Bücher des AT als „apokryph“, verborgen, und kennt sie nicht als „Schriftbeweis“ an. Auch das NT wurde von Luther bearbeitet, indem er die Reihenfolge der Briefe änderte. Er bezeichnete den Jakobusbrief als „Strohepistel“ und setzte ihn zusammen mit dem Hebräerbrief an das Ende, weil ihr Inhalt so wenig „Christum treibet“.

Das Prinzip „Sola scriptura“ führt im Protestantismus zu einem weiteren Problem bei der Frage: Wenn sich biblische Schriftstellen (scheinbar) widersprechen, welcher soll man dann folgen? Luther behalf sich hier mit der Idee von der „Mitte der Schrift“. Er verstand damit die Rechtfertigungslehre und richtete danach alles aus, was nicht so recht dazu passen wollte. So entstand das bis heute bestehende typische Phänomen, dass jeder protestantische Theologe sich letztlich selbst darüber klar werden muss, welche Schriftauswahl er im Zweifelsfall folgen und welche Bibelstellen er als Werkzeug benutzen will, um damit die anderen zu harmonisieren.

Diese Gewichtung und Auslegung von Bibeltexte im Lichte und Verhältnis zueinander müssen natürlich auch katholische Theologen erarbeiten. Sie besitzen aber den unschätzbaren Vorteil auch die Auslegungstradition der Kirche heranziehen zu können und nicht nur der subjektiven eigenen Einschätzung folgen zu müssen. Dabei können sie nicht nur auf die vorteilhafte zeitliche Nähe früherer Kirchenväter und -lehrer zu den Aposteln bauen, sondern auch auf den Intellekt, Verstand und die Vernunft vieler anderer, die gleichfalls im Hl. Geist wandelten. Man steht quasi als Zwerg auf den Schultern von Riesen.

Gerade die neueren literaturwissenschaftlichen Forschungen können eine Rezeptionsgeschichte der historischen Ereignisse um Jesus Christus, den Sohn Gottes feststellen, die sich innerhalb der Kirche in authentischen Überlieferungen vollzog und in die Texte des NT einflossen. Schon die Apostel wussten um den mehrfachen Schriftsinn und nicht um einen nur historischen. Bibelauslegung muss deshalb immer im Sinne der Apostel geschehen und somit auch rückversichernd in der Kontinuität der Kirchenväter.

Aus katholischer und altkirchlicher (orthodoxer) Sicht kann man nur betonen: das Prinzip der „Sola scriptura“ ist bereits vom Ansatz her falsch und führt in die Irre. Eine kirchliche Lehre oder Frömmigkeitsübung erhält ihren Wert nicht allein durch ihre Begründung in der Heiligen Schrift, sondern in der Übereinstimmung mit den Lehren der Apostel und damit Jesus Christus oder wenigstens im fehlenden Widerspruch dazu. Die Kirche des Herrn war von Anfang an nicht biblisch, sondern apostolisch. Die Christenheit bekennt sich zu einer heiligen, katholischen (also universalen) und apostolischen Kirche und nicht zu einer biblischen Kirche. Für ernsthaft gläubige Protestanten ist in der Regel das Prinzip „Allein die Schrift“ das Haupthindernis für die Ökumene. Deshalb müssen sie das für den Katholizismus wichtige, aber aus der Schrift nicht ableitbare, ablehnen. Könnte diese Denkschablone abgelegt werden, wäre dies ein wichtiger Schritt zur Überwindung der Trennung.

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Ein Kommentar zu “Protestanten und Katholiken: „Allein die Schrift“ – ein falsches Prinzip?

  1. Pingback: Protestanten und die letzten Dinge – emmauspilger

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