Christusorte – Betanien

Seit die Schutzmauer steht, welche Israel von den palästinensischen Gebieten trennt, führt der Weg von Jerusalem nach Jericho nicht mehr über den östlichen Abhang des Ölbergs. Die biblische Heimat von Maria, Marta und Lazarus und dessen Grab ist heute nur mehr über lange Umwege und Grenzkontrollen zu erreichen.

Im Lukasevangelium wird Betanien in 10:38-42 erwähnt, als Marta den hohen Gast geschäftig aufwartet, kocht und den Tisch bereitet, während ihre Schwester Maria untätig und aufmerksam den Worten Jesu lauscht. Marta beschwert sich bei Jesus, handelt sich aber einen sanften Vorwurf ein. Lukas verrät zwar nicht den genauen Ort dieser Episode, gibt aber einen Hinweis: Der Besuch schließt sich nach dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter an. Der Schauplatz dieser Geschichte ist der Weg von Jericho nach Jerusalem, der auch an Betanien vorüber führt.

Jesus ging diesen beschwerlichen Weg sicher öfters. Eine Pilgerroute führt von Nazareth nach Jerusalem durch das Jordantal bis Jericho. Zwischen Jericho und Jerusalem liegen 25 Kilometer Luftlinie bei einem Höhenunterschied von 1200 Metern. Nach diesem anstrengenden Aufstieg war eine Stätte zur Ruhepause angebracht und für den Herrn und seine Apostel bot sich das Haus der beiden Schwestern in Betanien an.

An mehreren Stellen in den Evangelien wird die Heimat Marias und Martas als Bleibe der Erholung für Jesus erwähnt. Bei der Totenerweckung des Lazarus berichtet der Evangelist Johannes in 11:1, dass Betanien jenes Dorf war, wo Maria und ihre Schwester Marta wohnten und beide einen Bruder mit Namen Lazarus hatten. Mit den drei Geschwistern war der Herr offensichtlich freundschaftlich verbunden. In Joh 11:5 wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Jesus Marta, Maria und Lazarus liebte. Ebenso wussten die beiden Schwestern, wo sich Jesus aufhielt, als ihr Bruder todkrank wurde und schickten ihm eine Nachricht (Joh 11:3). Jesus vergoss auch Tränen der Trauer am Grab des toten Lazarus.

Auch bei den Bewohnern Betaniens war der Herr kein Unbekannter und gern gesehener Gast. Die Evangelisten Markus und Matthäus berichten vom Mahl im Haus von Simon dem Aussätzigen, bei dem eine unbekannte Frau den Herrn mit Nardenöl salbte. Auch im Johannesevangelium wird eine Salbung in Betanien erwähnt, unmittelbar vor den letzten Tagen Jesu. Diese Salbung und das Mahl scheinen im Haus der drei Geschwister stattgefunden zu haben, denn Johannes betont zweimal, dass jene Frau, die den Herrn salbte, Maria war, die Schwester von Marta (Joh 12:2-3). In der Einleitung zur Totenerweckung des Lazarus wird dies bestätigt: Maria als jene Frau, die den Herrn mit Öl salbte und seine Füße mit ihren Haaren trocknete (Joh 11:2). Dabei darf Maria von Betanien nicht mit Maria von Magdala verwechselt werden und sie ist auch nicht identisch mit der Sünderin, die im Lukasevangelium im Haus des Pharisäers Jesus mit wohlriechendem Öl salbte (Lk 7:36).

Die enge Verbundenheit von Jesus mit Betanien erschließt sich aus seinem letzten Aufenthalt in Jerusalem vor seinem Tod am Kreuz. Der Ort war sein und der Apostel nächtliches Quartier in den Tagen vor Gründonnerstag (Mk 11:11; Mt 21:17). Der Einzug Jesu am Palmsonntag begann von Betanien und dem naheliegenden Betfage (Mt 21:1; Mk 11:1; Lk 19:29; Joh 12:2). Die zwei Jünger, die in der Stadt das Paschamahl vorzubereiten hatten, gingen wohl von Betanien aus nach Jerusalem (Mt 26: 17-19; Mk 14:13). Der Evangelist Lukas erwähnt den Ort ein letztes Mal im Zusammenhang mit der Himmelfahrt Jesu, der die Jünger hinaus in die Nähe von Betanien führte (Lk 24:50-51). Im Alten Testament gibt es nur einen Hinweis auf den Ort bei Nehemia 11:38. Dort erfährt man von Ananeja, in dem sich Angehörige aus dem Stamm Benjamin nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil niedergelassen haben. Dabei dürfte es sich um Betanien handeln.

Wo dieses biblische Betanien genau lag, lässt sich heute problemlos feststellen. Der Evangelist Johannes überliefert genaue Angaben: Es lag nahe bei Jerusalem, etwa 15 Stadien entfernt, also 3 Kilometer (Joh 11:18). Das trifft auf das heutige Betanien zu, dessen Namen El-Azariye lautet und auf das biblische Wunder hinweist, das dort geschehen ist: In dem arabischen Wort ist nämlich der Name Lazarus enthalten.

Die Franziskaner führten in den Jahren 1949 bis 1953 dort umfangreiche archäologische Ausgrabungen durch, welche die Existenz einer Siedlung zur Zeit Jesu nachwiesen. Hinweise auf die Häuser der Geschwister oder von Simon dem Aussätzigen konnten allerdings nicht gefunden werden. Die Ausgrabungen bezeugen jedoch, dass hier bereits in frühchristlicher Zeit ein beliebter Pilgerort war. Älteste Pilgerberichte erwähnen Heiligtümer und Kirchen, die archäologisch nachgewiesen wurden. Dabei ist vor allen das Lazarusgrab von Bedeutung. Um 330 schreibt der Kirchenhistoriker Eusebius von Cäsarea in seinem Werk Onomastikon von dem Ort: „Man zeigt bis heute die Stätte des Lazarus“, wobei wohl dessen Grab gemeint ist. 333 notiert ein anonymer Pilger aus Bordeaux in seinem Reisebericht das Landgut von Betanien und das Grab des Lazarus, den der Herr auferweckte.

Die Pilgerin Egeria besuchte 381-384 das Hl. Land und berichtet in ihren Notizen von Betanien. Sie nennt den Ort Lazarium, der in byzantinischer Zeit übliche Name von Betanien. Dabei erzählt sie ausführlich über die Feiern zu den Kar- und Ostertagen der Jerusalemer Christengemeinde, die mit dem sogenannten Lazarus-Samstag begannen. Es war der Tag vor Palmsonntag und der Archidiakon lud alle bei der Entlassung nach dem Frühgottesdienst um 13 Uhr („zur siebten Stunde“) beim Lazarium bereit zu sein. Dabei ging die Gemeinde zunächst von Jerusalem aus zu einer Kirche, 500 Schritt von Betanien entfernt, die den Ort markiert, an dem Maria dem Herrn entgegen kam. Nach einem Hymnus und einem Antiphon zog man weiter zum Lazarium. Der Abschluss der Feier in Betanien ist dabei bemerkenswert: Bei der Entlassung der Gemeinde wird Ostern angekündigt. Ein Priester geht auf eine Anhöhe und liest die Stelle im Evangelium: „Als Jesus sechs Tage vor dem Osterfest nach Betanien kam …“. Ein altes Lektionar erwähnt zudem eine Schriftlesung aus dem Brief an die Thessalonicher (4:12.17), in der Paulus von der christlichen Hoffnung auf Auferstehung des Leibes schreibt. All diese Angaben bestätigen natürlich die hier lokalisierte Totenerweckung des Lazarus.

Um 390 spricht Hieronymus dann von einer Kirche neben dem Grabmal des Lazarus. Sein Brief (Nr. 108) erwähnt die Pilgerin Paula, welche das Grab des Lazarus betreten habe und das Haus der Schwestern besucht. Die Kirche aus byzantinischer Zeit wurde archäologisch nachgewiesen. Es war eine stattliche dreischiffige Basilika mit 35 Meter Länge. Sie schmückte rein ornamentale Mosaiken. Die Basilika scheint dann 447 durch ein Erdbeben zerstört worden zu sein. Im Laufe des 5. Jahrhunderts wurde sie erneuert. Der Pilgerbericht des Arkulf aus dem Jahr 680, also bereits aus muslimischer Zeit, berichtet von einer großen Ölbaumpflanzung und einem großen Kloster mit der Basilika, welche das Grab des toten Lazarus überragt. Dort begannen auch die Palmprozessionen.

In der Kreuzfahrerzeit erneuerte man die Kirche und verfestigte die Fundamente. Zudem errichtet man auf den Ruinen des ehemaligen byzantinischen Klosters eine große Benediktinerabtei und eine zweite Kirche zu Ehren der Geschwister Maria und Marta. Dies bestätigt der 1172 entstandene Pilgerbericht des Priesters aus dem Rheinland Theodoricus, der von einer Doppelkirche spricht.

Unter muslimischer Herrschaft zerfallen die Heiligtümer von Betanien und werden als Ställe verwendet. Trotzdem kamen auch in dieser ruinösen Zeit immer wieder Pilger hierher. Auch eine muslimische Quelle weiß um den Ort und „das Grab von al-Azar den Issa (Jesus) aus dem Tod zum Leben gebracht hat“. 1384 wurde eine Moschee über dem Grab erbaut, alle christlichen Heiligtümer waren verschwunden. Erst die Franziskaner konnten im 16. Jahrhundert gegen Bezahlung an die Moslems erreichen, dass ein eigener Eingang zum Grab für christliche Pilger geschaffen wurde, damit diese nicht mehr die Moschee betreten mussten.

1863 kamen die Franziskaner in den Besitz eines Grundstücks in der Nähe des Lazarusgrabes, 1889 zu einem weiteren. Nach archäologischen Ausgrabungen wurde in den Jahren 1952 bis 1954 über die Stelle der alten Lazaruskirche ein modernes Heiligtum errichtet. Daran ist ein kleines Franziskanerkloster angebaut. Betanien ist heute ein Ort der Ruhe und Rast, dort wo Jesus einst Freundschaften pflegte. Er setzte sich ganz menschlich zu Freunden an einen Tisch, zeigte aber auch seine göttliche Seite mit der Totenerweckung des Lazarus.

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