Der islamische Wallfahrtsort Nebi Musa

An der Straße von Jerusalem Richtung Totes Meer weist ein Schild kurz vor der Abbiegung nach Jericho auf Nebi Musa hin. Nach ein paar hundert Metern trifft man mitten in der judäischen Wüste auf eine prächtige Karawanserei. Grüne und weiße Kuppeln bekrönen sie, ein ausgedehntes Friedhofsgelände umgibt sie. „Nebi“ oder auch „Nabi“ bedeutet im Arabischen „Prophet“ und „Musa“ ist der Name für Moses. Der große Komplex ist fast quadratisch und in der Mitte befindet sich eine Moschee. Davon etwas abgesondert erblickt man einen sechs Meter langen und zwei Meter hohen Kenotaph. Im Hof der Karawanserei sind Zisternen, Toiletten und Waschräume, wichtig für moslemische Gläubige. Die rings um die Moschee angeordneten zweistöckigen Gebäude sind Pilgerunterkünfte, die einfachen Räume sind offen, mit Steinbänken als Betten versehen und bieten Kühlung in der heißen Wüstenluft.

In den moslemischen Überlieferungen soll in der Karawanserei der Prophet Moses begraben liegen, nachdem er am Berg Nebo gestorben ist. Diese Traditionen erlauben auch einem Toten seinen Aufenthaltsort zu wechseln. Eine andere Erklärung spricht von der Flucht des Moses vor seinen nahenden Tod auf die westliche Seite des Toten Meeres, wo ihn dann Engel in das besagte Grab legten. Der Ursprung des moslemischen Wallfahrtsorts war auch die Angewohnheit der Jerusalemer Mekka-Pilger gegenüber vom Berg Nebo eine erste und größere Pause nach einem Tagesmarsch einzulegen. So wurde aus dem Ausblick auf den Berg Nebo das vermeintliche Mosesgrab selbst.

Historisch wird dieser Ort erst 1269 vermerkt, als der Mamelukensultan Baibar eine Kuppel über das Grab anlegte. Die Pilgerherberge und das Minarett kamen vor 1500 hinzu. Das bestätigt auch der Palästinareisende Titus Tobler, der 1853 in seinen „Denkblättern aus Jerusalem“ keine Wallfahrt vor dem 15. Jahrhundert angibt. Die Wallfahrt der Moslems selbst beschreibt er durch einen Augenzeugenbericht (Scholz) aus dem Jahre 1821. Demnach wurde diese Wallfahrt lärmend durchgeführt, man schritt durch das Sitti-Mariam-Tor, die Frauen standen dabei Spalier. Einige Männer schossen in die Luft, die meisten ritten in Haufen durch das Tal. Immerzu wird geschossen, die Reiter zeigen ihr Können, man singt und macht Instrumentalmusik.

Die Wallfahrt erfuhr eine antichristliche Note, als es im 19. Jahrhundert wieder möglich war, als christlicher Pilger das Osterfest in Jerusalem zu verbringen. Das Fest der Moslems weitete sich damals auf eine ganze Woche aus und mit Spielen und Wettkämpfen zu Ehren Allahs und seines Propheten ausgerichtet. Man begann genau in der Karwoche, meist am Karfreitag. Die moslemischen Pilger zogen also in dieser Zeit von Jerusalem herab, die christlichen Pilger nach Jerusalem hinauf. Nach dem Osterfest drehte sich diese Wanderbewegung. Die moslemischen Pilger aus Nebi Musa wanderten mit Geschrei in das Tal Himmon ein, wie Tobler 1845 beobachtet. Voran tanzten Fahnenträger und fanatische Derwische, die halbnackt spitze Eisen in ihren Leib stachen, bis Blut fließt. Einförmige Musik mit Pauken und Schalmei begleitet den langen Zug der schreienden Gläubigen.

Nebi Musa und seine Wallfahrt wurden 1920 zu einem Politikum. Palästina war damals unter britischer Mandatsverwaltung und anlässlich des Festes kam es zu schweren und tagelangen Unruhen unter der arabischen Bevölkerung, die sich gegen jüdische Personen und Geschäfte richteten. Auf beiden Seiten gab es Tote und Verwundete und die Briten reagierten darauf, indem sie dem Militär die Mandatsverwaltung entzogen und eine Zivilverwaltung einrichteten. So entwickelte sich Nebi Musa zu einem starken Symbol des palästinensischen Volkes für Selbstbestimmung. Deshalb verbot 1948 die jordanischen Behörden die Wallfahrt und auch die heutige israelische Besetzung schränkt das Fest stark ein, die ehemals bis zu 15000 Besucher sind nur mehr Geschichte.

Es wird heute keine Prozession mehr aus Jerusalem durchgeführt. Die wenigsten Pilger wissen auch noch von der einstigen symbolischen Bedeutung des Festes für Politik und Religion. Die Wallfahrtswoche wird heute begleitet von vielen kleinen Ständen mit Getränken, Souvenirs, Süßigkeiten und Spielzeug im Hof der Karawanserei. Man tanzt und isst an langen Tischen, am Abend findet palästinensische Folklore auf einer großen Bühne statt. Außerhalb der Wallfahrtswoche zeigt sich Nebi Musa auch als angenehmer Aufenthaltsort für Besucher. Das Gelände ist gepflegt, Beduinen bieten Souvenirs und Getränke an, man kann auf ihren Kamelen reiten. Auch als Ausgangspunkt für Wanderungen in der judäischen Wüste eignet sich Nebi Musa. Folgt man der Zufahrtsstraße über Nebi Musa hinaus, erblickt man bald Schaf- und Ziegenherden, Esel und Kamele.

 

Quellen: Keel-Küchler: Orte und Landschaften der Bibel Bd. 2; Titus Tobler: Denkblätter aus Jerusalem, 1853

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