Thomas von Aquin. Über Erkenntnis, Anthropologie, Ethik, Moral und Kunst

Der Dominikanermönch Thomas war in Köln Schüler von Albertus Magnus (siehe meinen Beitrag) und lebte von 1224 bis 1274. Der Mönch galt als schweigsam und war recht beleibt. Sein Charakter wird als gütig, demütig, rein und sensibel beschrieben. Er ist einer der bedeutendsten philosophischen Vertreter der spätmittelalterlichen Scholastik und dennoch sagte er an seinem Lebensende: „Alles, worüber ich nachsann ist Stroh gegenüber der Größe Gottes“. Er entwickelte ein umfassendes und ausgewogenes System des christlichen Lebens und etablierte einen dauernden Maßstab. Alle seine Lehren der Theologie und Philosophie stellt er auf den Boden der Heiligkeit. Hier der erste Teil einer kurzen Zusammenfassung seiner umfangreichen Lehren.

Von der Erkenntnis der Wahrheit

Wie jeder Philosoph stellte Thomas sich am Anfang die Fragen: Woher kommt die Erkenntnis des Menschen, wie funktioniert sie und was ist Wahrheit? Dabei zeigt er in seiner Erkenntnislehre einen Weg auf. Sie beginnt als

  1. Sinneserkenntnis. Durch seine Sinne erlangt der Mensch Abbilder der Dinge der Außenwelt.
  2. Verstandeserkenntnis. Dieses Bild soll man nicht nur wahrnehmen, sondern auch verstehen. Dies geschieht durch den Verstand, mit dem man das Wesen der Dinge begreifen kann. Dabei abstrahiert der Verstand die Merkmale der Dinge, um ihr Wesen zu verstehen.
  3. Vernunfterkenntnis. Die Dinge werden durch den Verstand verstanden und ihr Wesen wird zur Antwort auf das Was. Dabei werden ihre Ursachen untersucht: die Materialursache (die Tischplatte besteht aus Holz), die Formursache (die Tischplatte ist rechteckig), die Wirkursache (die Tischplatte wurde von einem Schreiner gefertigt) und die Zweckursache (Wozu ist der Tisch?).

Als letztes stellt sich nun die Frage: Woher kommen diese Ursachen, was ist die erste aller Ursachen? Thomas von Aquin kommt zur Erkenntnis, dass die erste Ursache immer das Sein ist. Das Sein ist stets der Anfang der Dinge. Nun kann auch die Frage nach der Wahrheit beantwortet werden. Die Wahrheit ist dann gegeben, wenn die Erkenntnis des Verstandes, des Intellekts mit der Sache übereinstimmt (adaequatio intellectus et rei). Diesen Lehrsatz übernimmt Thomas vom Neuplatoniker  Isaak ben Salomon Israeli, der  840/850 bis 942 lebte.

Thomas erkennt allerdings ebenso, dass die menschliche Erkenntnis ihre Grenzen hat. Zwar braucht der Mensch Vernunftgründe für den Glauben, aber übernatürliche Dinge kann er erfassen, jedoch nicht erklären, sie bleiben Geheimnisse. So beispielsweise die Dreifaltigkeit Gottes, die jungfräuliche Empfängnis oder die Auferstehung. Für diese übernatürlichen Glaubenswahrheiten wird dem Menschen Wissen vermittelt, etwa durch die Offenbarung Gottes oder dem Zeugnis der Apostel.

 

Von der Gotteserkenntnis

Auch die Frage nach der Existenz Gottes beschäftigt Thomas von Aquin. Er weist dabei auf fünf geistige und philosophische mögliche Wege, keine Beweise, hin, durch die der Mensch Gott erkennen kann. Hier zwei dieser Wege, welche über die Kausalität und die Zielgerichtetheit zu Gott führen können:

  1. Unsere Erfahrung zeigt auf, dass alle Dinge von einer früheren Ursache abhängig sind. Es muss allerdings eine erste Ursache geben, eine absolute Ursache. Diese muss von einer Ursache losgelöst sein und sie nennt Thomas Gott. Man spricht auch vom Kontingenzbeweis.
  2. Die Erfahrung zeigt, dass der Kosmos eine Ordnung durch Naturgesetze besitzt. Dieses System führt zu einer Einheit, zum Universum. Doch woher kommt diese Einheit? Nicht vom Kosmos selbst, denn dort ist keine geistige Substanz vorhanden. Daraus folgernd muss es vor dem Kosmos eine absolute Intelligenz geben, einen Schöpfer, eben Gott.

 

Eine Anthropologie

Die Anthropologie von Thomas sieht den Menschen als Leib und Seele, die eine Einheit bilden. Die Seele hat die Aufgabe:

  1. dem Leib Form, Leben, Bewegung und Gestalt zu verleihen. Sie ist das innere Prinzip des Körpers, sein Form- und Lebensprinzip.
  2. Die Seele ist Sitz des Denkens, des Willens, des Fühlens, der geistigen Akte und führt diese alle zusammen.

Die Seele ist nicht wahrnehmbar, jedoch beweist Thomas sie durch die Beobachtung des Menschen, denn dessen Äußerungen weisen auf sie hin. Er postuliert drei Arten von Seelen: die pflanzliche Seele, die tierische Seele und die Vernunftseele des Menschen. Nur diese Vernunftseele lässt den Menschen sprechen, denken und abstrakt denken und sprechen, womit er Raum und Zeit übersteigen kann, was die Materie niemals vermag. Deshalb kann dafür nur ein geistiges Prinzip ursächlich sein, das Handeln des Menschen folgt aus seinem geistigen Sein. Hegel führt dies später fort, in dem er postuliert, dass der Mensch ein Tier ist und in der Erkenntnis dessen kein Tier mehr.

Die Seele ermöglicht geistige Akte, die immateriell sind, weshalb Thomas erkennt, dass eine nichtmaterielle Fähigkeit nur auf ein nichtmaterielles Prinzip gründen kann. Die Seele ist also immateriell und zudem eigenständig, kein Teil des Körpers. Sie ist ein Ich, ein Subjekt, eine Substanz. Er kommt somit zu dem Schluss, dass eine immaterielle und eigenständige Geistseele vom Körper unabhängig ist und ihn daher überlebt, unsterblich ist.

Nun kann Thomas eine weitere Frage beantworten: Woher stammt die Seele des Menschen? Da sie immateriell ist, kann sie nicht aus der Materie stammen. Sie muss demnach geistigen Ursprungs sein und damit von Gott geschaffen.

 

Von Ethik und Moral

In seiner Ethik und Morallehre geht Thomas von Aquin davon aus, dass der Mensch ein freies Wesen ist und sich deshalb an Maßstäbe orientieren muss. Welche Maßstäbe sind dies?

  1. Die wahre Natur des Menschen. In dieser Natur besitzt er Grundbedürfnisse, so Leben, Gemeinschaft, Besitzschutz, Sicherheit, Gesetz, Frieden, Wahrheit usf. Die Ethik, das moralische Verhalten hat demnach die Grundbedürfnisse anderer Menschen zu respektieren.
  2. Der Mensch kann durch eine Einheit mit Gott begreifen, wie er sich seinem Mitmenschen gegenüber zu verhalten hat. Wer sich bemüht Gott zu lieben, liebt auch den Mitmenschen. Es ist ein Streben nach Vollkommenheit im Hinblick auf den absolut guten Gott.
  3. Das angeborene Gewissen.

Der Mensch ist ebenso fähig die moralischen Gesetze und Normen der menschlichen Natur zu erkennen und zwar:

  1. Durch seine Vernunft und Erfahrung.
  2. Durch sein angeborenes natürliches Sittengesetz (Gewissen), welches aufzeigt, was gut und böse ist. Das Gewissen des Menschen bedarf jedoch der Schulung, muss richtig informiert, wissend sein. Das Gewissen kann irren, wenn es falsche Informationen erhält.
  3. Durch seine innere Verbindung mit Gott, wodurch er erleuchtet wird, was gut und böse ist.

Wie müssen nun diese Maßstäbe angewandt werden? Die Vernunft bestimmt, welche moralischen Prinzipien anzuwenden sind. Die Anwendung selbst erfolgt durch das Gewissen, das auf eine konkrete Situation reagieren kann.

 

Vom freien Willen

Thomas postuliert, dass die Befolgung der Gesetze und Normen, die Gott in die menschliche Natur legte, nicht zwingend ist. Er verteidigt die Willensfreiheit des Menschen, mit der er sich frei für die moralischen Gesetze und Normen entscheiden kann. Damit steht er im Gegensatz zu Augustinus. Für Augustinus schwächte der Sündenfall den Menschen so sehr, dass eine Willensfreiheit nicht mehr besteht und er ohne Gottes Gnade nur böses tun kann. Für Thomas von Aquin jedoch gibt die Willensfreiheit dem Menschen Verantwortung. Denn ohne diese Verantwortung gäbe es keine Schuld und kein Verdienst. Dies würde die Moral und die Menschenwürde in Frage stellen.

Thomas erkennt, dass der Mensch den Willen nach der Vernunft ausrichten muss. Ebenso muss der Mensch seine Begierden beherrschen, indem er der Vernunft und dem Gewissen folgt. Doch wie kann man diese Begierden und Triebe kontrollieren?

  1. Durch Opfer, Askese, Verzicht
  2. Durch Selbstbeherrschung

Es braucht die göttliche Gnade, damit der Mensch an seinen Grenzen und Schwächen dennoch weiterkommen kann.

 

Von der Moral im Leben

Was sind nun die Grundhaltungen (Tugenden) eines moralischen Lebens? Für Thomas sind die Tugenden eine Haltung zu einem tauglichen Leben. Er erkennt

  1. Menschliche, natürliche Tugenden, die sogenannten Kardinaltugenden, die bereits in der Antike bekannt waren. Sie können vom Menschen selbst erlangt werden und führen zu seinem Glück. Diese sind: Weisheit (als Orientierung), Tapferkeit (zum Handeln), Mäßigkeit (als rechtes Verhalten gegenüber den Begierden), Gerechtigkeit (für den Umgang mit dem Nächsten).
  2. Übernatürliche Tugenden, welche man durch die Gnade Gottes als Geschenk erhält. Diese führen zur ewigen Seligkeit des Menschen. Diese sind: Glaube, Hoffnung, Liebe.

 

Von der Ursache des Bösen

Thomas stellt sich weiterhin die Frage, woher das Böse stammt. Er kommt zu der Erkenntnis, dass die Welt und der Mensch unvollkommen sind, denn die Schöpfung ist endlich und begrenzt. Die Ursache des Bösen ist die Möglichkeit des Missbrauchs des freien Willens durch den Menschen. Das Böse besteht in einem Mangel, denn die Einsicht und der Wille des Menschen haben Grenzen.

 

Gedanken zur Kunst

Für Thomas ist das Schöne Ausdruck des Guten. Das Schöne hat für ihn 3 Grundelemente:

  1. Es besitzt Integrität, Vollkommenheit. So dürfen beispielsweise Körper keine Glieder fehlen.
  2. Es besitzt Proportion, Harmonie in den einzelnen Teilen.
  3. Es besitzt Klarheit und Vernünftigkeit in einer Sache. Damit stellt er auch einen geistigen Bezug her, wenn er davon spricht, dass eine klare und vernünftige Rede auch schön ist.

Diese Grundelemente gelten im geistigen wie im sinnlichen und moralischen Bereich. So kann auch eine Tugend schön sein, wenn sie mithilfe der Vernunft zum maßvollen Handeln führt. So ist dort, wo das Gute ist, auch das Schöne. Das Gute kann dem Menschen eine schöne Ausstrahlung verleihen.

Wird fortgesetzt.

 

der emmauspilger

S.D.G.

2 Kommentare zu “Thomas von Aquin. Über Erkenntnis, Anthropologie, Ethik, Moral und Kunst

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