War Jesus Analphabet?

Die Einwohner Nazareths staunten über die Weisheit des Herrn, sagten aber abschätzig von ihm, er sei nur der Sohn des Zimmermanns. Damals war ein Zimmermann nicht das, was er heute ist. Jesus ging bei Josef in die Lehre und hat einfache Handwerkerarbeit erlernt. Dazu gehörte sicherlich auch das Anfertigen von Gebäudeteilen als Baumeister. Die sich gerade im Aufbau befindliche nahe Stadt Sepphoris wird ausreichend Arbeitsaufträge geliefert haben. Sieht man auf den Bildungsstand einfacher Handwerker in Mitteleuropa vor wenigen Generationen, so ist es nicht selbstverständlich, dass Jesus lesen und schreiben konnte. Was sagen die Evangelien darüber aus?

Zuerst sei hier Lk 4:16-18 zitiert: „Er kam auch nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf um vorzulesen. Man reichte ihm das Buch des Propheten Isaias, und als er die Buchrolle öffnete, traf er auf die Stelle, wo geschrieben steht: Der Geist des Herrn ist auf mir, denn er hat mich gesalbt; Armen frohe Botschaft zu bringen, sandte er mich, Gefangenen Befreiung zu künden und Blinden das Augenlicht, Gequälte zu entlassen in Freiheit.“ Der Evangelist zitiert hier nicht den hebräischen Text des AT, sondern die griechische Übersetzung, da er auch griechisch schreibt. Die Schilderung von Lukas ist zwar die einzige Textstelle in den Evangelien, die ausdrücklich erwähnt, dass Jesus las, aber sie besagt auch, dass er regelmäßig am Sabbat in die Synagoge ging. Damals wie heute war  Bestandteil des Gottesdiensts Abschnitte aus der Tora und eines weiteren Propheten vorzulesen. Diese Lesung kann jeder erwachsene männliche Jude übernehmen.

Ob Jesus auch schreiben konnte, ist schwieriger zu beantworten. Antike apokryphe Schriften die den Titel „Brief Jesu an…“ scheiden als Beweis aus, sie sind erst später antiken Autoren zugeschrieben worden. Es bleibt ein einziges Zeugnis in den Evangelien, mit der Aussage, dass Jesus geschrieben hat, nämlich in Joh 8:6 bei der Begegnung mit der Ehebrecherin: „Das sagten sie, um ihn auf die Probe zu stellen damit sie einen Grund hätten zur Anklage gegen ihn. Jesus aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.“ Dieser Abschnitt geht womöglich nicht einmal auf den Evangelisten zurück, sondern wurde nachträglich eingefügt. Was Jesus hier geschrieben hat, bleibt unerwähnt, aber er schrieb und kritzelte oder zeichnete nicht. Den umstehenden Schriftgelehrten und Pharisäern wird er wohl eine Lehre erteilt haben, vielleicht durch eine nicht überlieferte passende Bibelstelle.

War es damals denn außergewöhnlich, dass ein Handwerker vom Land lesen und schreiben konnte? Viele außerbiblische Quellen berichten, dass das Lesen unter Juden damals nichts besonderes war. Pilatus ließ das Schild an Jesu Kreuz in drei (hebräisch, lateinisch, griechisch) Sprachen und damit Schriften anfertigen und viele Juden konnten es lesen und nahmen daran Anstoß. Die Qumran-Rollen sind antike Dokumente auch aus der Zeit Jesu und bezeugen eine rege Schreib- und Lesetätigkeit. Andere entdeckte Dokumente jener Zeit belegen das Alltagsleben mit Quittungen, Verkaufsverträgen, Schuldscheinen, Eheverträgen sowie Scheidungsurkunden und ähnliches. Jesus selbst erwähnt eine solche Scheidungsurkunde in Mt 5:13 oder einen Schuldschein in Lk 16:6.

Viele dieser Schriftstücke sind von professionellen Schreibern verfasst, die der Verwaltungssprache mächtig waren. Sie sagen deshalb nur wenig darüber aus, ob der Großteil der Bevölkerung lesen und schreiben konnte. Allerdings zeigen die Unterschriften auf den Urkunden unterschiedliche Handschriften, der Unterzeichnende wird dann wohl auch fähig gewesen sein, sie zu lesen, zumal sie auch in anderen Sprachen und Schrift verfasst wurden. Nur wenige Urkunden tragen den Vermerk: „nach seinem Wort“, also eine stellvertretende Unterschrift für jemanden, der nicht selbst unterschreiben konnte oder wollte. Man kann somit feststellen, dass zwar nicht jeder schreiben konnte, aber doch ein großer Teil der männlichen Bevölkerung unter den Juden. Und selbst Unterschriften von Frauen finden sich, obwohl sie als Zeugen nicht voll aussagekräftig waren.

Es gibt noch eine andere Art von „Dokumenten“, die gefunden wurden. Sie sind auf Ostraka, also Tonscherben geschrieben. Es sind meist Alphabete, denn das Schreiben musste auch gelernt und geübt werden. Auf einem Tonscherbenfund am Herodion hat der Schreiber zweimal das hebräisch/aramäische Alphabet geschrieben und darunter sogar seinen Namen: Ahasja.

Aus den Evangelien geht also klar hervor, dass Jesus lesen konnte. Dass er auch schreiben konnte, ist sehr wahrscheinlich, viele seiner jüdischen Zeitgenossen konnten es ebenso. Doch nicht nur in biblischer Zeit war das Lesen und Schreiben unter Juden weit verbreitet, sondern es war auch für das mittelalterliche Europa typisch. Damals hatten unter der christlichen Bevölkerung meist nur Geistliche und hohe Beamte diese Fähigkeit, Juden verdankten ihr bis in die beginnende Neuzeit den Erfolg in manchen Berufen im Handel, in der Verwaltung oder Medizin.

 

der emmauspilger

S.D.G.

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