Christusorte: Sepphoris

Ganz in der Nähe von Nazareth, dem Wohnort von Jesus, liegt Sepphoris im Unterland von Galiläa, am Rande des Beit-Netofa-Tals. In der Hl. Schrift findet sich die Stadt nicht, doch könnte sie eine große Rolle während der „verborgenen Jahre“ Jesu gespielt haben. Sepphoris lag damals an zwei wichtigen Verkehrswegen: an der Via Maris, eine nach Nordosten laufende Verbindung, und an der Straße zwischen dem See Gennesaret und der Hafenstadt Ptolemais (Akko) am Mittelmeer. Schon der Talmud rühmt das Umland der Stadt als sehr fruchtbar. Auf Hebräisch heißt die Stadt „tzippori“, d. h. „Vogel“, weil sie auf einen Berg liegt, wie ein Vogel auf einen Ast sitzt. Die griechische Form des Namens lautet Sepphoris, die vor allen der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus benützt.

Sepphoris wird nicht in der Bibel, aber in der Mischna und dem Talmud erwähnt. Am Anfang der Regierungszeit des Hasmonäers Alexander Jannäus (105 – 76 v. Chr.) wird sie zu einem Verwaltungszentrum. Dies blieb sie auch nach der Eroberung Palästinas durch die Römer. Der römische Prokonsul Gabinius richtete sogar um 55 v. Chr. hier einen der 5 Gerichtshöfe (Synhedrin) des Landes ein. Herodes der Große eroberte nach seiner Rückkehr aus Rom bei starkem Schneefall um 40 v. Chr. kampflos die Stadt (Flavius Josephus Ant XIV 15,4). Während der Unruhen nach dem Tod von Herodes im Jahr 4 v. Chr. galt sie als Zentrum der Aufständischen. Der römische General schlug den Aufstand nieder und zerstörte die Stadt, die Bewohner sollen in die Sklaverei verkauft worden sein (Ant XVII 10,9). Als die Söhne des Herodes das Land teilten, fällt Galiläa mit Sepphoris an Herodes Antipas. Er beginnt mit dem prachtvollen Wiederaufbau der Stadt und macht sie zur Haupt- und Residenzstadt seiner Tetrarchie. Antipas weihte sie Cäsar, weshalb sie auch „Autocratoris“ genannt wurde. Im ersten jüdischen Krieg (66 – 70) eroberte Flavius Josephus zunächst als Kommandant der jüdischen Rebellen Sepphoris zweimal, denn sie stand trotz der überwiegend jüdischen Bevölkerung auf Seiten Roms.

Sepphoris war für die „biblische Archäologie“ weitgehend unbedeutend. Auch für jüdische Archäologen war die Stadt von geringem Interesse, trug sie doch zur jüdisch-nationalen Identität aufgrund ihrer Geschichte wenig bei. Mitte der 1980er Jahre begann ein internationales Ausgrabungsteam ihre Arbeit. Es kam zu dem Ergebnis, dass Sepphoris nach einem römischen Stadtplan wieder aufgebaut wurde, der zwei große Straßenachsen vorsieht. Man fand Wohnhäuser, Synagogen (in einer fand man ein Mosaik aus dem 5. Jahrhundert), Mikwaot (rituelle Bäder), Banken, zwei Märkte, Gasthäuser, ein halbrundes Theater (Radius: 37 m, 3000 – 5000 Sitzplätze) und einen Palast. Eine fünfschiffige Basilika (Markthalle) kam ebenso ans Tageslicht. In ihr wurden Balsame, Stoffe und Parfüms angeboten. Eine Akropolis stand auf dem Hügel der Stadt, heute befindet sich dort ein Turm aus herodianischer und türkischer Zeit. Die beeindruckende Wasserversorgung bestand aus Quellen, Brunnen und Zisternen. Die Funde beschränken sich bisher auf römisch-griechischer Architektur. Tempel oder Götterstatuen, die auf eine hellenistisch-heidnische Stadt hindeuten, fehlen ganz.

Archäologische Funde weisen auf den Charakter einer Stadt hin, doch ebenso ist ihre Bevölkerungszusammensetzung von Bedeutung. In ihrer frühen Phase war Sepphoris wahrscheinlich jüdisch geprägt. Um 100 wird sie auf eine Einwohnerzahl von 8500 bis 12000 geschätzt. Beim Wiederaufbau von Sepphoris 4 v. Chr. kam es jedoch zu einer Veränderung der Zusammensetzung der Bewohner. Die Neubesiedlung geschah dabei vermehrt durch nichtjüdische Bürger, ca. 12000 Menschen. Andere Schätzungen kommen in der Zeit von Herodes Antipas sogar auf 15000 – 20000 Bewohnern.

Der Nachbarort Nazareth als Heimatort von Jesus findet im Alten Testament, in jüdischen Schriften oder bei antiken Historikern keine Erwähnung. Ausgrabungen bestätigten aber das Vorhandensein des Ortes zur Zeit Jesu. Die Evangelien erwähnen ihn als „polis“, Stadt, eine unzutreffende Übersetzung des hebräischen Wortes „ir“, das jede Niederlassung, ob Zeltlager oder Stadt, meint. Nazareth war tatsächlich wohl ein Dorf mit 200 oder 300 Einwohnern und war an einem Berghang erbaut.

Die geringe Bedeutung des Heimatortes von Jesus und das Schweigen der Evangelien über die Jahre des Sohnes Gottes in Nazareth führen zu einer Lücke in seiner Vita. Apokryphe Evangelien, Visionen oder fantastische Geschichten versuchen diese Lücke zu füllen. Es entstand das Bild der „heiligen Familie“ eines Drei-Personen-Haushalts mit angeschlossener Zimmerei. Aus den Evangelien erfährt man nämlich, dass der Vater von Jesus, Josef, „Zimmermann“ war (Mt 13:55a). Ob Jesus Geschwister hatte, kann man nicht eindeutig beweisen. Man darf aber davon ausgehen, dass Maria, Josef und Jesus in eine Großfamilie mit eingebunden waren, die dem Einzelnen soziale Sicherheit bot.

Die Übersetzungen der Evangelien wissen also von Josef als Zimmermann. Allerdings hat das verwendete griechische Wort „tekton“ (Mt 13:55a und Mk 6:3) eine umfassendere Bedeutung. In einem holzarmen Land wie Galiläa hätte sich ein Schreiner oder Zimmermann sich und seine Familie von seiner Arbeit kaum ernähren können. So kann das Wort „tekton“ wohl eher als „Bauhandwerker übersetzt werden, der Stein und Holz zur Bearbeitung heranzieht. Auch Jesus wird als „tekton“ bezeichnet (Mk 6:3), denn es war üblich, dass der Sohn das Handwerk des Vaters erlernt. Für ihn galt es sogar als religiöse Pflicht seinen Sohn einen Beruf zu lehren. Einer geistlichen Berufung stand dies nicht im Weg, im Judentum können religiöse Gelehrte auch einer weltlichen Beschäftigung nachgehen (siehe Paulus als Zeltmacher in Apg 18:3).

Im kleinen Nazareth wird es für einen Bauhandwerker kaum genügend Arbeit gegeben haben, um seine Familie zu unterhalten. Für Josef und Jesus kann es deshalb eine besondere Fügung gewesen sein, dass das nur eine Gehstunde entfernte Sepphoris wieder aufgebaut wurde. Dies bedeutete auf Jahre hinaus Arbeit und Einkommen, zumal Jesus nach dem Tode Josefs dessen Stelle als Familienoberhaupt übernahm. Seine Pflicht war es nun die Familie durch Arbeit zu ernähren. All dies kann durchaus zu dem Schluss führen, dass Josef und Jesus in Sepphoris arbeiteten.

Damit verlässt der „historische Jesus“ die falsche Einschätzung eines Hinterwäldlers, der in einem entlegenen Nest irgendwo im Bergland von Galiläa lebte, denn in nur 6 Kilometer Entfernung lag eine weltoffene hellenistisch-römische Stadt mit öffentlichen Märkten, Theater und einem Palast des Herodes samt seiner Hofhaltung. Jesus könnte also bereits in jungen Jahren Kontakt zu einer urbanen und multikulturellen Gesellschaft erlangt haben. Bei seiner Arbeit hört er die griechische Sprache, die er sich vermutlich auch angeeignet hat. Gerade die Offenheit und das Fehlen von Vorurteilen bei den Predigtwanderungen von Jesus, bei denen er unterschiedliche Menschen aus Stadt, Land und anderen Kulturen traf, könnten aus seiner Zeit in Sepphoris stammen.

Vielleicht schlugen sich deshalb auch einige Eindrücke und Erfahrungen von Jesus in Sepphoris in den Texten der Evangelien nieder. Das Gleichnis vom anvertrauten Geld (Mt 25:14-30) weist jedenfalls in diese Richtung. Das Zinsverbot aus Dtn 23:20 hatte sich damals unter hellenistischen Einfluss längst gelockert, weshalb Sepphoris mit seinen Banken und seinem Geldwesen ein guter Hintergrund für das Gleichnis war. Auch das Gleichnis von der Versöhnung (Mt 5:25-26) käme in Frage, wenn dort ein Kläger auf dem Weg ins Gericht seinen Kontrahenten trifft. In Sepphoris tagte der Synhedrion, der jüdische Gerichtshof, und hierher kamen die Menschen aus den Dörfern der Umgebung um bei größeren Vergehen ihr Recht zu erhalten. Deshalb wird es nur dort ein Gefängnis gegeben haben. Denkt man an den Hof des Herodes Antipas in der Stadt, fällt einem zudem das Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl ein (Mt 22:1-14), zu dem Menschen der ganzen Gegend eingeladen wurden und das sich auf die Residenzstadt beziehen könnte. Jesu Zeit als Bauhandwerker fand vielleicht beim Gleichnis von dem Haus auf dem Felsen (Mt 7:24-27) und beim Turm von Schiloach (Lk 13:4) seinen Niederschlag.

Das Theater in Sepphoris muss in diesem Zusammenhang besonders betrachtet werden. Viele Autoren sehen hier den Ursprung des Wortes „hypokrites“, das in den Evangelien nur von Jesus gleich 17mal verwendet wird. Der Begriff bedeutet eigentlich „Schauspieler“, es wird jedoch im NT mit „Heuchler“ übersetzt. In Mt 6:5-18 wird damit ein frommer Mann bezeichnet, der seine Gesten nur für die Öffentlichkeit verwendet. Davor warnt das Evangelium, denn der Fromme hat nicht Gott im Blick, sondern allein seine Mitmenschen, bei denen er Eindruck erwecken will. Wer so denkt und handelt hat seinen Lohn bereits erhalten. Vielleicht hat Jesus beim Bau des Theaters von Sepphoris mitgewirkt, vielleicht hat er Aufführungen besucht und Schauspieler erlebt. Notwendig wäre es nicht, denn das Wort „hypokrites“ wurde sicherlich auch im alltäglichen Gespräch mit den Leuten der Stadt verwendet. Das Wort wird auch allgemein verständlich gewesen sein, denn es zu verwenden, ohne dass es für die Leute geläufig gewesen wäre, hätte keinen Sinn gehabt. Um zu wissen, was ein Schauspieler ist, muss man kein Theater besuchen.

Warum wurde nun Sepphoris nicht in den Evangelien erwähnt? Zum einen könnte Jesus tatsächlich nie in der Stadt gewesen sein. Dies ist aber sehr unwahrscheinlich. Eine andere Möglichkeit wäre, dass Jesus sehr wohl in Sepphoris wirkte, aber ohne Erfolg. In den Urgemeinden wollte man natürlich vermehrt Erfolgsgeschichten überliefern, man war aber auch ehrlich genug Misserfolge aufzuzeichnen. Dies etwa in Mt 11:20-24, wo es um das Gericht über die galiläischen Städte geht. Erwähnt wird in diesem Text Betsaida und Kafarnaum, die sich trotz der dortigen Wunder Jesu nicht bekehrten, und Chorazin. In den Evangelien wird nicht erwähnt, dass sich Jesus in diesem Ort aufgehalten hat. Mit Sepphoris könnte es sich ebenso verhalten haben.

 

der emmauspilger

S.D.G.

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