Plädoyer für eine erneuerte Christologie

Nach dem 2. Vatikanischen Konzil gewann das Programm des „aggiornamento“, des Heutigwerdens, an Bedeutung. Dabei geht es vor allen darum das Evangelium und damit Jesus Christus als relevant in jede Zeit zu übertragen. Doch die Gefahr für die Kirche ist inzwischen offensichtlich: vor lauter Offenheit gegenüber dem Zeitgeist droht sie ihre Eindeutigkeit zu verlieren und dort, wo sie eindeutig und klar redet, kommt sie in Gefahr an den Menschen und ihren Problemen vorbei zu agieren. Wenn sich die Kirche um Identität bemüht, droht sie ihre Relevanz zu verlieren, wenn sie sich um Relevanz bemüht, droht sie ihrer Identität verlustig zu werden.

Die Theologie der letzten Jahrzehnte hat an dieser drohenden Identitätskrise der Kirche, ja des Glaubens an sich, einen großen Anteil. Ihr fehlte manchmal die Besinnung auf den Ursprung des Christentums: Jesus Christus. Allzu oft verharrt etwa die Bibelwissenschaft ohne Jesus Christus und ohne Theologie in wissenschaftlicher Textkritik. Eine historisch-kritische Methode besonders seit Bultmann hatte immer weniger im Blick, dass die Hl. Schrift von Gläubigen für Gläubige verfasst wurde. Zudem verkannte sie, dass dieser Ursprung nicht nur durch die biblische Überlieferung zugänglich ist, sondern auch durch die kirchliche Überlieferung. Deshalb muss eine seriöse Bibelwissenschaft heute wieder durch eine kanonische Textkritik ergänzt werden. In ihr erhält der Glaube, die Theologie und letztlich die Christologie wieder ihre Bedeutung. Dabei kann die Kirche aus einem immensen Schatz an Traditionen schöpfen, die nicht Asche sind, sondern Feuer, weil der Glaube und das liebende Herz des Herrn Jesus Christus in ihnen brennt.

Natürlich verlangt auch Tradition eine Begegnung und eine Auseinandersetzung mit den Nöten und Fragen der jeweiligen Zeit, um sie fruchtbar weiter zu geben. In jeder Zeit wird aber das Bekenntnis zu Jesus Christus einerseits in einer geradezu ärgerlicher Weise konkret sein und andererseits auf eine unüberbietbare Weise universal. Das Bekenntnis zu Jesus Christus als wahrer Gott und wahrer Mensch lässt nur ihn als Mittler hin zu Gott zu, als einzigen Erlöser, gibt dem Christentum eine Bestimmtheit und Unterschiedenheit, schafft aber ebenso den Raum für eine universale Offenheit und einer weltweiten Verantwortung. Das Problem vom richtigen Maß des Heutigwerdens kann demnach nur in einer erneuerten Christologie gelöst werden. Dadurch erhält die Kirche ihre Universalität, ihre wortwörtliche Katholizität zurück, ohne dabei die Torheit und das Ärgernis des Kreuzes zu verleugnen und damit die eigentliche Provokation des Christentums aufzugeben.

Es ist ebenso ein gesellschaftliches Problem, wenn sich Glauben und Leben in der Kirche der Gegenwart immer mehr entzweien. Es war Hegel, der dieses Auseinanderklaffen als eine Gestalt der Entfremdung der gesamten Neuzeit erkennt. Ihr ausgeprägter Individualismus, eine Emanzipation des Subjekts, ließ die äußere Welt immer mehr nur zum bloßen Objekt werden, zum toten Material, mit dessen Hilfe die moderne Wissenschaft und Technik immer perfekter die menschliche Herrschaft über die Welt ausüben kann. Die äußere Wirklichkeit wurde somit entmythologisiert, entwahrheitet (siehe Gender) und entsakralisiert. Die Religion indes zog sich immer mehr in das Subjekt zurück, wo sie zu einer inhaltslosen und leeren Sehnsucht nach dem Unendlichen wird. Das Ergebnis im Objekt und Subjekt ist eine gähnende Leere, denn die äußere Welt wird flach und banal, die innere Welt des Subjekts hohl und leer. Von beiden Seiten her tut sich ein sinnloses Nichts auf, ein Nihilismus. So steht die Identitätskrise der Kirche vor dem Hintergrund der Sinnkrise der modernen Gesellschaft.

Gerade hier wird nun die Christologie über den engeren theologischen Zusammenhang hinaus relevant. Als Gott in Jesus Christus Mensch wurde, versöhnte er Gott und Welt. In Jesus Christus geschah die Einheit von Gott und Mensch. In ihm wurde der Unterschied zwischen Gottvater und dem Sohn sowie die Eigenständigkeit des Menschen nicht aufgehoben, sondern zur Geltung gebracht. Deshalb geschieht Versöhnung in Jesus Christus zugleich als Befreiung und Befreiung als Versöhnung. Dabei ist Gott nicht die Begrenzung, wie der moderne atheistische Humanismus es gerne annimmt, sondern die Bedingung und der Grund menschlicher Freiheit.

Diese Erfüllung der Sehnsucht des Subjekts nach dem Unendlichen und die Wiedererlangung einer lebendigen Sinnhaftigkeit für das Objekt, die äußere Welt, gelingt allerdings nur im Glauben. Jesus Christus schenkt die befreiende Versöhnung primär nur als Gabe Gottes, die Aufgabe des Menschen ist sekundär. Hier hat sich der Mensch also zwischen Schwert und Gnade (A. Camus), Verheißung oder Leistung zu entscheiden. Eine Theologie des Heutigwerdens muss eine Christologie verkünden, in der Identität und Relevanz, Sein und Bedeutung in einer einmaligen, eindeutigen und vollendeten Weise zur Deckung kommen. Damit kann diese Theologie sowohl der heutigen Gesellschaft als auch der Kirche zu deren Identitätsfindung verhelfen.

 

der emmauspilger

S.D.G.

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