Die Pilgerin Egeria im Hl. Land

Im Mailänder Edikt vom 13. Juni 313 gab Kaiser Konstantin den Menschen seines Machtbereichs das Recht auf freie Religionsausübung. Es war der Beginn der Reisen von Christen nach Osten in das Hl. Land, um die Orte des Lebens von Jesus Christus zu sehen. Die Pilgerin Egeria gehörte zu diesen ersten Reisenden. Im Jahre 1884 wurde ihr Reisebericht in einem Kloster in Arezzo entdeckt. Das bis dahin unbekannte lateinische Itinerar beschreibt die Pilgerfahrt einer frommen, vielleicht adeligen Dame und/oder Klosterschwester aus dem 4. Jahrhundert nach Palästina und Konstantinopel. In dem unvollständig erhaltenen Dokument erfährt man nicht den Namen dieser Pilgerin, allerdings stellt Valerius von Bierzo 395 in einem Brief den Mut einer Pilgerin mit Namen Egeria oder Aetheria heraus, deren Schilderung auffallend mit dem aufgefundenen Itinerarium übereinstimmt, weshalb man beide Berichte als von derselben Person verfasst betrachtete.

Jerusalem war das eigentliche Ziel von Egeria und hier beschreibt sie die Gottesdienste und erzählt von liturgischen Bräuchen, die ihr fremd waren. Ihre Neugier galt mehr den geistigen Dingen, als der weltlichen Kultur. Deshalb gerät sie bei der Prachtentfaltung der Gottesdienste in Jerusalem und dem Kirchenschmuck ins Schwärmen, ohne aber allgemein die Betonung der Äußerlichkeiten zu übertreiben. Besonders angetan war sie von den liturgischen Zeremonien, die unter Cyril (gestorben 386) gefeiert wurden.

Die Pilgerfahrt von Egeria fand in den Jahren 381 bis 384 statt. Sie beschreibt lange Märsche durch die Wüste, Begegnungen mit Einsiedlern und gibt Gespräche mit Bischöfen der Städte wieder. Die Reiseroute zielte von Konstantinopel aus ins Hl. Land, wobei zwei längere Exkursionen nach Ägypten stattfanden. So besucht sie den Berg Sinai und den Berg Nebo, auch die Thebais sowie das Land von Job in Idumäa und Alexandria. Auch das Land Gosen in Jordanien und Südsyrien stand auf ihrem Reiseplan. Die Rückreise führte über Antiochia, von wo sie einen Abstecher nach Mesopotamien auf den Spuren Abrahams unternimmt. Dann reiste sie weiter zum Geburtsort des Paulus, Tarsus, und Seleukia nach Konstantinopel, wo sie 384 eintrifft.

Das Itinerarium der Egeria ist nicht nur ein wertvoller, früher Reisebericht, sondern auch eine wichtige Quelle für die Liturgie in Jerusalem im 4. Jahrhundert und zahlreichen Heiligengeschichten aus der Region. Aus den Beschreibungen der Gottesdienste lassen sich auch der bauliche Charakter und die Ausstattung der jeweiligen Kirchen erahnen. Sie wurden von Kaiser Konstantin nach 313 in Jerusalem und Betlehem errichtet, so die Grabeskirche, das Heiligtum auf dem Berg Sion mit dem Abendmahlsaal, die Himmelfahrtsstätte am Ölberg mit Getsemani und die Eleona-Kirche.

In Betlehem war es die Geburtskirche. Diese wird mit einem großem Atrium und fünf Kirchenschiffen beschrieben. Dort feierte Egeria das Epiphanie-Fest am 6. Januar und Christi Himmelfahrt. In Betanien nimmt sie an der Nachtwache vor dem Palmsonntag teil und besuchte das Lazarium und den Ort, wo Jesus auf Marta traf. Das ganze liturgische Jahr zur Zeit des Bischofs Cyril von Jerusalem entfaltet sich in dem Bericht: Epiphanie, welches noch nicht vom Weihnachtsfest getrennt war, die Feier der Hypapante (Maria Lichtmess), die Fastenzeit, die großen Heiligen Wochen mit ihren Gottesdiensten, Ostern und seine Oktaven mit den Katechesen des Bischofs an die Neugetauften, Christi Himmelfahrt, deren Zeremonie mehr die Geburt in Betlehem, als die Auferstehung betont und schließlich noch Pfingsten. Am 50. Tag nach Ostern verband man die Herabkunft des Hl. Geistes mit dem Mysterium der Himmelfahrt Christi. Zuletzt wird noch die Enkien, die Kirchweih im September erwähnt, bevor das Manuskript schließt, dessen Ende verloren gegangen ist.

Der Pilgerbericht zeigt den Grundcharakter der Jerusalemer Liturgie auf: Sie hat eine strenge Beziehung zur Historie. Sie ist eine historische Rekonstruktion der heiligen Geschichte, die sich als Memoria unmittelbar an den Ort knüpft. Für Egeria ist dies sehr bedeutend, weshalb sie es immer wieder hervorhebt. Sie betont, dass die liturgischen Texte stets an den Ort und die Zeit angepasst sind. Dies ist ein Grundzug, der bis heute in der Liturgie von Jerusalem vorherrscht. Es ist ein Brauch, den Papst Paul VI. bei seiner Pilgerfahrt 1964 auch bestätigt und approbiert hat: Bis auf wenige Ausnahmen werden Texte genommen, die an den jeweiligen Ort angepasst sind.

Die Pilgerin Egeria hat in ihrem Bericht kaum etwas von ihren emotionalen Erlebnissen aufgezeichnet. Aber als sie schreibt: „… wir standen auf den Stufen, auf denen der Herr stand, und wir freuten uns!“, lässt sie kurz etwas von jener freudigen und frommen Erregung erahnen, die bis heute Pilger an jenen Orten des Heils widerfährt. Egeria beschreibt Zeremonien, welche Gläubige tief an den Stätten die Ereignisse der Heilsgeschichte durch die gefeierte Liturgie nachvollziehen und selber erleben lassen. Dort wird das Itinerarium Egeriae besonders anrührend, denn es verbindet die Gläubigen in all den Jahrhunderten miteinander und mit Jesus Christus, dem Heilsbringer.

 

Quelle: Vretska, Karl: Die Pilgerreise der Aetheria (Peregrinatio Aetheriae); Stift Klosterneuburg bei Wien, 1958.

Hier kannst du kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.