Christen und Verbitterung

Eine Betrachtung zum Hebräerbrief.

Eine Verbitterung kann ein Leben lang anhalten. Man wurde verletzt oder glaubt verletzt worden zu sein und trägt diese Verwundung mit sich. Der Mensch kann in eine Opfermentalität verfallen, die ihm das Gefühl gibt ständig unrecht behandelt, ausgenützt, missverstanden und nicht geliebt zu werden. Solch verbitterte Menschen schaden sich und ihre Umwelt, ihre Nächsten. Sie vertragen keine berechtigte Kritik an ihrem Verhalten, werden dadurch sogar in ihrer Verbitterung bestätigt, zumal bald auch Mitmenschen sie meiden. Christen haben in Jesus Christus einen Retter aus dieser Misere, doch auch Christen können trotzdem in ihrer Verbitterung verbleiben.

Paulus zeigte im Hebräerbrief auf, was die Ursachen für diese bleibende Verbitterung sind. Er schreibt in Hebr 2:2-3: „Denn wenn schon das durch Engel verkündete Wort verpflichtend war und jede Übertretung und Missachtung gebührende Vergeltung empfing, wie werden dann wir entrinnen, wenn wir nicht achten auf ein so großes Heil, dessen Verkündigung ihren Anfang nahm durch den Herrn und das von jenen, die sie hörten, beglaubigt wurde für uns?“ Das Verharren in der Verbitterung beginnt bei Christen also mit der Missachtung des Wortes Gottes. Wer den Herrn ignoriert, der ignoriert sein Wort und seinen Wunsch für unsere Heilung und Heiligung. Man zweifelt am Wort des Herrn und seinen Verheißungen, man liest nicht mehr in der Hl. Schrift und lässt sich nicht mehr inspirieren, heiligen. Das Wort von der Umkehr, dem ändern der Perspektiven dringt nicht mehr in den Verstand und von dort in das Herz vor. Und so kann die zweite Stufe der Verbitterung eintreten, vor der Paulus warnt (Hebr 3:12-13):

„Seht zu, Brüder, dass in keinem von euch ein böses, ungläubiges Herz sich finde, um abzufallen vom lebendigen Gott. Ermahnt vielmehr einander an jedem Tag, solange man das »Heute« ruft, damit keiner von euch »verhärtet« werde durch den Trug der Sünde.“ Die zweite Stufe der Verbitterung ist, dass der Unglaube im Herz Einzug halten kann, ein Abfall vom lebendigen Gott. Das Herz wird böse und verhärtet durch diese Sünde. Wenn man der Sünde schnell entgegen tritt, im heute, auch durch Ermahnung seiner Geschwister im Glauben, dann kann etwa eine Versöhnung ohne Blick zurück der Bitterkeit Einhalt gebieten. Aber ist das Herz bereits verhärtet, wird solche Kritik abgewiesen und der Verbitterte meidet diese Geschwister oder Mitmenschen und damit die Hilfe Gottes durch Menschen. Es ist dort kein Ohr mehr, das hört und Paulus drückt es so aus (Hebr 5:11-12): „Darüber wäre noch vieles von uns zu sagen, aber es ist schwer zu erklären, da ihr träge geworden seid im Hören. Denn die ihr der Zeit nach Lehrer sein solltet, habt wieder nötig, dass man euch die Anfangsgründe der Worte Gottes lehrt, und ihr wurdet zu solchen, die Milch brauchen und nicht feste Speise.“

Die Trägheit und Gleichgültigkeit gegenüber dem Wort Gottes führen auch dazu, dass man es zu interpretieren beginnt nach seinen Wünschen. Doch die Auslegung der Hl. Schrift ist weniger Theologie, mehr Charakterangelegenheit. Ohne dass der Hl. Geist, seine Gaben und seine Frucht im Herzen wohnen und den Charakter formen können, wird das Wort zur Geisel der Selbstsucht des Menschen, es kann nicht mehr heilen, weil man es zum Monolog gemindert hat. Dabei ist das Wort ein Dialog zwischen Gott und dem Menschen, in den entscheidenden Dingen in einer Einfachheit und Klarheit, dass Gott auch vom Ungebildeten nicht missverstanden werden kann.

Eine weiterer „Fortschritt“ in der Verbitterung: In der Verhärtung des Herzens beginnt der Mensch irgendwann Gott zu richten. Nachdem andere Menschen für das Leid und die Verbitterung verantwortlich gemacht wurden, ist es nun Gott, der schuldig gesprochen wird. Paulus weiß in Hebr 10:26-27 davon: „Denn wenn wir vorsätzlich sündigen, nachdem wir die volle Erkenntnis der Wahrheit erlangt haben, gibt es kein Opfer mehr für die Sünden. Es wartet unser vielmehr ein schreckliches Gericht und »ein wütendes Feuer, das die Widersacher verzehren wird«“ Der verbitterte Mensch kann nun aus Trotz sündigen, weil er meint, dass Gott sein Leid nicht kennt. Der Vorwurf mag lauten: „Du, Gott, sitzt im Himmel in deiner Glückseligkeit und weißt nicht, was es heißt das Leben zu ertragen“.

Doch genau dieser Vorwurf zielt beim lebendigen Gott ins Leere, denn er weiß, was es heißt das Leid des Lebens zu ertragen, durch seinen Sohn Jesus Christus, der, sich erniedrigend, in Demut ins Fleisch kam. Er wurde geboren in ärmlichen Verhältnissen in ein zu jener Zeit verachtetes Volk, den Juden. Seine Herkunft war umstritten, denn er hatte keinen menschlichen Vater. Er wurde verachtet, verfolgt und bespuckt, nur weil er die Wahrheit verkündete. Er wurde unter falschen Anschuldigungen vor einem voreingenommenen Richter gestellt und von einem feigen Statthalter verurteilt. Er war es, der ausgepeitscht, geschunden und zuletzt grausam in aller Öffentlichkeit gekreuzigt wurde, in Schande und verhöhnt. Was wäre es also, was man Gott vorwerfen könnte nicht für unser Leid und unsere Sünden ertragen zu haben? Und wenn Paulus in Hebr 10:31 schreibt: „Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“, dann kann die tiefe Liebe und unendliche Gnade Gottes für den Menschen nur vollständig erfasst werden, wenn man die ebenso tiefe Verdammnis kennt, die uns erwarten würde, wenn unsere Sünden nicht von uns genommen wären durch die Demut des Herrn und die Barmherzigkeit Gottes. Denn wegen dieser Barmherzigkeit ging Gottes einziger Sohn freiwillig und aus Liebe zu uns Menschen diesen Weg des Leids.

Diese Verbitterung, die Gott und andere richtet, Paulus nennt sie „das Giftkraut“, verhindert die Heiligung, ohne die das ewige Leben nicht möglich ist. Paulus gibt zuletzt noch die eindrückliche Mahnung in Hebr 12:14-15: „Trachtet nach Frieden mit allen und nach Heiligung, ohne die niemand den Herrn schauen wird! Seht zu, dass keiner um die Gnade Gottes komme, dass »kein Giftkraut aufwachse und Schaden stifte« und dadurch die vielen verdorben werden“. Paulus ist auch ein Seelsorger im Hl. Geist und lässt den verbitterten Menschen nicht frustriert zurück. Er erwähnt den Frieden, den inneren Frieden, der durch und in Jesus Christus im Herzen des Menschen geschenkt wird, weil wir als Christen in der Taufe und in der Firmung versiegelt sind. Dieses Siegel ist der Hl. Geist, der Hilfe und Heilung verschafft, der wieder Sehnsucht für das Wort Gottes erfahren lässt, der nicht Trägheit, sondern Leidenschaft für die Liebe Gottes entfacht. Er ist es, der die Kraft zur Versöhnung schenkt, mit sich selbst, dem Nächsten und mit Gott, um die Bitterkeit zu besiegen.

So kann Paulus in Eph 4:29-32 schreiben: „Kein böses Wort komme aus eurem Mund, sondern nur ein gutes, das erbaut, wo es nottut, damit es denen, die es hören, Segen bringe. Betrübt nicht Gottes Heiligen Geist, mit dem ihr besiegelt wurdet zum Tag der Erlösung! Jedwede Art von Bitterkeit, Groll, Zorn, Lärm und Lästerung sei fern von euch samt aller Bosheit! Seid gütig zueinander, barmherzig, und verzeiht einander, so wie auch Gott euch verziehen hat in Christus!

Umkehr zu Gott, Verzeihung und Versöhnung, das sind die Wege aus der Verbitterung. Sie können und müssen nicht alleine begangen werden. Jesus Christus durch den Hl. Geist sind an der Seite des verbitterten Menschen, gerade im Sakrament der Beichte und in der hl. Eucharistie. Jesu Kraft und Autorität gegenüber dem Widersacher, den Dämonen und der Selbstsucht können das Giftkraut der Verbitterung besiegen. Das Leben ist schön, denn in ihm beginnt durch Jesus Christus bereits das Reich Gottes. Im Leben werden wir nicht vom Leid erlöst, aber im Leid gestärkt und begleitet, denn wir haben einen Gott, dem kein menschliches Leid fremd ist. Er allein kann Leid in Heiligung verwandeln, die uns zu ihm in das ewige Leben trägt.

der emmauspilger

S.D.G.

3 Kommentare zu “Christen und Verbitterung

  1. Das ist richtig, gerade, wer verbittert ist, der kann sicher sein, dass Gott ihn davon erlösen, heilen will. Niemand soll sich mit einer Verbitterung abfinden und auch den Grund dafür als Rechtfertigung gebrauchen, sie unangetastet zu lassen. Und Gott hilft eben dabei durch sein Wort, durch seine Anwesenheit in der Liebe im Herzen, manchmal durch Mitmenschen, Verbitterung zu erkennen, anzunehmen, zu überwinden.
    Zu deinen Beispielen: Man darf sich nicht zum Opfer von Umständen machen, die man nicht (mehr) ändern kann/konnte. Wenn jemand diese Erfahrungen machte, dann sollten die Konsequenzen daraus nicht in Verbitterung getan werden und man darin verbleiben. Wenn also jemand keinen Partner, keine Kontakte mehr will, dann muss er die Freude darin entdecken, die Chancen für sein Leben, die Möglichkeiten weiterhin in sich, für andere und mit Gott in der Liebe zu bleiben.
    Wie du richtig schreibst: Auch auf diese Art kann man Gott dienen und Gott will ebenso, dass man dies mit Freude am Leben tut, nicht aus Angst, Trotz, Resignation. Kein Mensch kann einem anderen das Heil absprechen, das kann man nur sich selbst. Verwundungen kann Gott heilen, manchmal lässt er sie auch, damit der Mensch daran wachse. In allem geht es darum, in der Liebe zu bleiben, zu sich, dem Nächsten und Gott im Vertrauen in ihm.

    Servus!

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  2. Da es verschiedene Arten von Verbitterung gibt, sollte auch nicht zu voreilig den Menschen das Heil abgesprochen werden. Ein Mensch der in einer bestimmten Richtung verbittert ist, wird diese Situation meiden. Beispiel:

    -Hat jemand schlechte Erfahrungen in der Arbeit duch Kollegen und Chefs gemacht, wird er nach der Kündigung keinen neuen Job suchen.
    -Wenn der Partner einem verlässt oder die Eltern ein Rosenkrieg führten, wird derjenige vielleicht keinen Partner/in haben wollen.
    -Wenn jemand durch Menschen ständig gekränkt wurde, wird er soziale Kontakte meiden.

    Trotzdem muss man nicht gleich davon ausgehen, dass die Person eine schlechte Beziehung zu Gott hat. Jemand der aufgrund seiner Verbitterung zur Liebe oder zum Leben, keine Ehe eingeht und Kinderlos bleibt, weil er vom Leben nichts hält, der begeht keine Sünde. Die Bibel im Neuen Testament hat sogar den Ehe- und Kinderlosen Lebensstil als gut bezeichnet und geht einher, dass man da auf besondere Art Gott dienen kann.

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