Maria im Islam

Im Koran findet sich mehr über die hl. Maria, die Mutter des Herrn, als in der Hl. Schrift. So erstaunt es, dass christliche Theologen und sogenannte aufgeklärte Christen oftmals die Jungfrauschaft Mariens vor, während und nach der Geburt des Herrn als symbolische Aussage ansehen, aber der muslimische Glaube daran wörtlich festhält. Doch ebenso gibt es im Blick auf Maria zwischen Koran und der Hl. Schrift erhebliche Unterschiede, die zu beachten sind. Für Christen liegt die Wahrheit innerhalb dieser Differenzen natürlich auf ihrer Seite, und dies nicht ganz unbegründet, stehen doch gerade die marianischen Aussagen der Hl. Schrift näher an der geschichtlichen Wirklichkeit, als jene im Koran. Dieser entstand ein halbes Jahrtausend nach der Niederschrift des neuen Testaments, in dem besonders das Lukasevangelium Wissen über Maria vermittelt. Dieses und auch die Kindheitsgeschichte Jesu steht unter der Versicherung von Lukas, die er in seinem Vorwort darlegt, er sei allem von Grund auf sorgfältig nachgegangen (Lk 1:2-3). Woher bezieht also der Koran seine vielen Aussagen über Jesus und Maria?

Da sich der Koran als wörtliches Diktat von Allah an seinen Propheten Mohammed versteht, sind auch die Aussagen darin für einen Moslem allein die Wahrheit. Somit stellt sich ein gläubiger Muslim nicht die Fragen nach Authentizität und den schriftlichen Quellen des Korans. Sie sind für ihn überflüssig, jedoch dürfen wir sie stellen. Denn Mohammed musste als Kaufmann bereits in seinen frühen Jahren Kenntnisse über den christlichen Glauben erworben haben, den es schon seit einem halben Jahrtausend gab. Seine Handelsreisen führten ihn in christliche Länder und in sowie rund um Mekka und Medina gab es christliche Gemeinden. Mohammed wird diesen begegnet sein und muslimische Biografen des Propheten wissen von seinen engeren Beziehungen zu christlichen Mönchen. Auch der Vetter seiner ersten Frau war Christ und eine seiner späteren Frauen war Christin.

Allerdings waren die Kenntnisse Mohammeds über die Bibel und dem Christentum wohl nur oberflächlich. So war für ihn Maria eine Schwester Aarons, der viele Jahrhunderte vor Maria lebte. Ebenso unterstellt er Christen, sie hielten Maria als eine der drei göttlichen Personen, wobei natürlich nicht abzugrenzen ist, welche Form der Frömmigkeit und Theologie jene Christen hatten, mit denen der Prophet in Kontakt kam. Bekanntlich wurden gerade nach den Konzilien von Konstantinopel und Nicäa viele gnostisch-häretische Sekten Richtung Osten und die arabische Halbinsel vertrieben. In den „marianischen“ Texten des Korans finden sich dennoch vage Kenntnisse der Kindheitsgeschichte des Lukas. Manche dieser Texte verweisen auch auf die später als die Evangelien der Hl. Schrift entstandenen apokryphen Evangelien, also zu jenen Schriften, die meist aufgrund ihrer gnostisch-häretischen Tradition nicht in den offiziellen Kanon der Hl. Schrift aufgenommen wurden. So erkennt man Bezüge zum apokryphen Protoevangelium und einem Pseudo-Matthäus-Evangelium.

Im Koran ist die Sure 19 allein Maria gewidmet. Dort wird sie Maryam genannt, was nach dem Koran „die Gottesfürchtige“ bedeutet. Die Sure 3 trägt den Namen des Vaters von Maria, Imram, der im neuen Testament nicht genannt, in der christlichen Tradition jedoch als Joachim identifiziert wird. Marias Vater Imram trägt einen biblischen Namen, auch der Vater des Moses hieß so.  Über die Geburt und Kindheit Mariens findet sich im Koran einiges, im neuen Testament nichts. Die Ausführungen im Koran stimmen dabei auffallend mit dem Protoevangelium des Jakobus überein, das wohl bei den Christen, mit denen Mohammed Kontakt hatte, bekannt war. Ob er dort die falsche Information erhielt, dass Maria eine Schwester des Aaron war, ist unklar. Vielleicht wurde sie mit jener Mirjam verwechselt, die tatsächlich die Tochter des Amram/Imram war und Schwester von Aaron und Mose, aber Jahrhunderte zuvor.

Sowohl Koran als auch das Protoevangelium des Jakobus berichten, dass Marias Eltern alt und kinderlos waren. Ein Vogel in einem Baum, das sein Junges fütterte, weckte bei der Frau von Imram den Wunsch nach einem Kind. Man betete zu Gott und gelobte das Kind dem Tempel zu weihen, wenn er den Wunsch erfüllt, was auch geschah. In Sure 3:36-37 liest man zuerst eine Aussage der Frau von Imram: „Siehe, ich nannte sie Maria, und sie und ihre Kindeskinder, die stelle ich unter deinen Schutz vor dem verfluchten Satan“. Und weiter: „Da nahm ihr Herr sie gütig an, ließ sie aufwachsen auf schöne Weise und setzte Zacharias zur Pflegschaft über sie ein“. Auch in der nicht biblischen christlichen Tradition wird Maria als Tempeljungfrau in Jerusalem genannt. Die islamische Überlieferung lässt Marias Vater vor ihrer Geburt sterben, sodass  ihr Onkel Zacharias ihr Vormund wurde. Als ihre Mutter Maria unter dem Schutz Gottes vor dem Satan stellte, weist dies auf die islamische Tradition hin, dass jedes geborene Kind vom Satan berührt und verunreinigt wird. Dies korreliert mit der christlichen Idee der Erbsünde. Doch Maria und ihr Kind Jesus bleiben von dieser satanischen Berührung verschont, womit beiden nach islamischer Tradition eine Sündlosigkeit bescheinigt wird, die sie ihr Leben lang bewahren. Hier findet man den Bezug zur katholischen Lehre der Unbefleckten Jungfrau, die von jeder Sünde bewahrt ist.

Im Koran findet sich eine ebenso klare Darstellung der jungfräulichen Geburt Jesu, wie im Matthäus- und Lukasevangelium. Die noch in der frühen mekkanischen Zeit von Mohammed verkündete Sure 23:50 gibt darüber Aufschluss. Dort heißt es: „Wir machten den Sohn Marias und seine Mutter zu einem Zeichen und ließen sie Zuflucht finden auf einer Höhe mit einem Ruheplatz und einer Quelle“. Sure 19:16-21 setzt weiter fort: „Da sie sich von ihren Leuten an einem Ort im Osten zurückzog und sich von ihnen abschirmte: Da sandten wir unseren Geist zu ihr … Er sprach: ‚Ich bin der Gesandte deines Herrn, um dir einen lauteren Knaben zu schenken‘. Sie sprach: ‚Wie soll ich einen Knaben bekommen, da mich noch kein Mann berührt hat und ich auch keine Dirne bin?‘ Er sprach: ‚So spricht der Herr: Das ist für mich ein Leichtes. Auf dass wir ihn zu einem Zeichen machen für die Menschen und zu einer Barmherzigkeit von uns. Da wurde es beschlossene Sache.“

Gemeinsam mit der Hl. Schrift hat dieser Bericht den Gesandten des Herrn. In der christlichen, wie in der islamischen Tradition ist dies der hl. Gabriel. Gemeinsam ist beiden Berichten auch die Jungfräulichkeit Mariens und die Geburt des Kindes ein Wunder, das nur Gottes Allmacht vermag. Im Koran findet sich keine räumliche und zeitliche Angabe des Geschehens. Auch die Charakterisierung des Kindes ist im Koran eine völlig andere, wie in der Hl. Schrift. Der Koran spricht von einem Zeichen Gottes, ein Zeichen seiner Barmherzigkeit. Es zeigt die hohe Wertschätzung Jesu im Islam. Allerdings soll der Bericht im Koran eher etwas widerlegen, nicht aussagen: Dass Jesus Gottes Sohn ist. So folgt auch in Sure 19:34-35 die eher polemische Bemerkung: „Das ist Jesus, Marias Sohn, als Wort der Wahrheit, über das sie uneins sind (die Christen). Es steht Gott nicht zu, einen Sohn anzunehmen – das sei ferne“.

Im Islam ist Jesus „nur“ Prophet, der das Evangelium brachte, seine Anhänger sind „Buchbesitzer“, die manche Texte im Koran auch Achtung entgegen bringen. Jesus ist auch ein Wundertäter, wie in apokryphen Evangelien wirkt er auch im Koran bereits in jungen Jahren Wunder. Doch Göttlichkeit wird Jesus entschieden abgesprochen, weshalb er nur als Sohn Mariens bezeichnet wird, aber nicht zugleich als Sohn Gottes, wie in der Hl. Schrift. Als Sohn Marias wird im Koran ein Bezug zur jungfräulichen Geburt des Herrn gesetzt, denn die islamische Tradition bestimmt Menschen nur durch die Nennung des Vaters und nicht der Mutter. Diese ständig sich wiederholende Bezeichnung „Sohn Mariens“ im Koran stellt sich aber genauso polemisch gegen die Christen, die Jesus bekanntlich als Sohn Gottes verehren. Und vollends untragbar sind für den Islam die christlichen Titel Mariens Gottesmutter oder Gottesgebärerin.

Die eigentliche Geburt Jesu wird im Koran völlig unterschiedlich zu den Evangelien dargestellt. Sie erfolgte nach islamischer Tradition gleich nach der Verkündigung. Die Sure 19:22-34 endet folgendermaßen: „Sie wurde mit ihm schwanger und zog sich mit ihm zurück an einen weit entfernten Ort. Da überkamen sie am Stamm der Palme Wehen. Sie sprach: ‚Wehe mir! Wär ich doch vorher gestorben und ganz und gar vergessen!‘ Da rief es ihr von unterhalb der Palme zu: ‚Bekümmere dich nicht! Dein Herr hat unter dir ein Bächlein fließen lassen. Rüttle am Stamm der Palme – hin zu dir, damit sie die frischen Früchte auf dich herunterfallen lässt! Dann iss und trink, und sei guten Mutes! Wenn du irgendeinen Menschen siehst, so sprich: ‚Siehe, ich habe dem Erbarmer (Gott) ein Fasten gelobt‘ … Dann kam sie, ihn (Jesus) tragend, zu den Ihren. Sie sprachen: ‚Maria, du hast etwas Unerhörtes getan! Schwester Aarons, dein Vater war doch kein unzüchtiger Mann und deine Mutter keine Dirne‘ Da deuteten sie auf ihn. Sie sprachen: ‚Wie sollen wir zu einem sprechen, der noch ein Kind in der Wiege ist?‘ Er (Jesus) sprach: ‚Ich bin der Knecht Gottes! … Er machte mich zu keinem elenden Gewaltmenschen! Und Frieden über mir am Tag, da ich geboren wurde, am Tag, an dem ich sterben werde, und am Tag, da ich zum Leben auferweckt werde!‘ Das ist Jesus, Marias Sohn, als Wort der Wahrheit“.

Einzig lieblich an der Geburt Jesu im Koran sind die Palme, unter der sie stattfindet, und deren Datteln die Bekümmernis von Maria lindert und das Bächlein, das frisches Wasser spendet. Jene Palme könnte allerdings auch christlich inspiriert sein. Im apokryphen Matthäus-Evangelium erhält man den Bericht, dass das Jesuskind einer Palme auf der Flucht nach Ägypten befahl, sich niederzubeugen, um Maria mit Datteln zu erfrischen. Ebenso entsprang auf Befehl Jesu unter der Wurzel der Palme eine Quelle. Auch die alttestamentliche Geschichte von Hagar und Ismael (Gen 21:9-21) könnte hier Pate gestanden haben, zeigte ein Engel Hagar doch den rettenden Strauch und eine Quelle. Eine andere Erklärung verweist auf Ähnlichkeiten in der griechischen Mythologie.

Die jungfräuliche Geburt von Isa (Jesus) lässt schwere Vorwürfe gegen Maria von ihrer Familie aufkommen. Sie wird als Dirne bezeichnet und das gebotene Fasten und Schweigen nach der Geburt diente, zumindest nach muslimischen Korankommentatoren, dazu, zudringliche Fragen über die jungfräuliche Geburt abzuwenden. Das kleine Jesuskind beginnt dann wunderbarerweise zu sprechen und verteidigt seine Mutter. Seine Selbstoffenbarung ist aber peinlich darauf bedacht keine göttlichen Züge anzudeuten. So ist er nur Knecht Gottes, Prophet und Sohn Mariens. Im Gegensatz zum Propheten Mohammed ist er aber kein elender Gewaltmensch. Christen wird von der islamischen Tradition vorgeworfen Jesu Verteidigung seiner Mutter vor den Verleumdungen seiner Verwandten unterschlagen zu haben.

In der islamischen Tradition, nicht im Koran, wird etwas über das weitere Schicksal von Maria berichtet. Demnach überlebte Maria Christi Himmelfahrt um sechs oder acht Jahre und starb mit 51 Jahren. Am Ende ihres Lebens geschah ein großes Wunder. Sie begab sich nach Rom, um dem Marut (dem Kaiser Nero) zu predigen und wurde vom Jünger Johannes und Schim’un (Simon Petrus) begleitet. Er und Thaddäus (vielleicht der Apostel) wurden in Rom mit dem Kopf nach unten gekreuzigt. Maria floh daraufhin zusammen mit Johannes, die Erde tat sich auf und verbarg beide. Dieses Wunder bewegte den Marut dazu, sich zu bekehren.

Vieles im Islam über Maria mag aus christlicher Sicht der fantasievollen Legende zuzuordnen sein, aber es gibt doch weniges darunter, was ihn mit dem Christentum verbindet. So könnte man dem, was in Sure 3:42 steht als Christ ohne weiteres zustimmen: „Damals, als die Engel sprachen: ‚Maria! Siehe Gott hat dich erwählt und rein gemacht – er erwählte dich vor allen Frauen in der Welt. Maria, sei deinem Herren demütig ergeben, wirf dich nieder, und neige dich mit den sich Neigenden!‘“

Die Erklärung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen (Nostra Aetate) erkennt Maria als Band zu den Muslimen und bringt ihnen Hochachtung entgegen, weil auch sie „den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat“. Allerdings hat dieser muslimische Gott, Allah, keinen Sohn. Ist es dann trotzdem derselbe Gott?

 

Quellen: A. Neuwirth: Der Koran als Text der Spätantike. 2010; J. M. Abd-El-Jalil: Maria im Islam. 1954; L. Hagemann: Maria (im Islam-Lexikon A. Khoury, Bd. 2. 1991); Koran-Übersetzung: H. Bobzin. 2012

Siehe auch: Die christliche und muslimische Maria

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