Spurensuche – Der Abendmahlsaal

In Mk 14:12-15 lesen wir: Am ersten Tag der Ungesäuerten Brote, da man das Paschalamm schlachtete, sagten seine Jünger zu ihm: »Wo willst du, daß wir hingehen und für dich das Essen des Paschamahles bereiten?« Er schickte zwei seiner Jünger weg und sagte zu ihnen: «Geht in die Stadt und es wird euch einer begegnen, der einen Wasserkrug trägt; dem folgt, und wo er hineingeht, da sagt zu dem Herrn des Hauses: Der Meister läßt sagen: Wo ist meine Herberge, darin ich das Pascha esse mit meinen Jüngern? Er wird euch ein großes Obergemach zeigen, das, mit Polstern versehen, bereitsteht. Dort bereitet es für uns!« Über die Lage dieses Hauses sprechen die Evangelien nicht zu uns. Dies kann aber auch dafür sprechen, dass dieses Haus in der Zeit der Evangelisten allen bekannt war. Ebenso muss Jesus dem Besitzer des Saales bekannt gewesen sein, dahin weist die Selbstverständlichkeit der Anfrage. Wir erfahren also nur die Tatsache, dass der Abendmahlsaal ein Raum im Obergeschoss war, was auf eine begüterte Familie als Besitzer hinweist.

Auch nach Jesu Tod kann es nur dieses Obergemach gewesen sein, wo sich die Jünger „am Abend des ersten Tages der Woche“ versammelten und wo Thomas seine Finger in die Seite des Herrn legen durfte. Der Evangelist Lukas lokalisiert wie selbstverständlich in seiner Apostelgeschichte das feste Zuhause der Apostel nach der Himmelfahrt des Herrn im Obergemach (Apg 1:12-14). So wird dieses Obergemach zum Ort des Letzten Abendmahls sowie zum Versammlungsort der Christen in Jerusalem, die erste Urkirche. Letztlich geschah hier auch das Pfingstereignis, als sich der Hl. Geist mit Feuerzungen auf die Versammelten niederließ.

Im Ersten Jüdischen Krieg wurde Jerusalem im Jahre 70 gründlich von den Römern zerstört. Ob das Obergemach dies überstanden hat, bleibt ungeklärt. Es war der Pilger von Bordeaux, der 333 erstmals den Ort besuchte. Er schreibt von einst 7 Synagogen in Jerusalem, von denen nur eine überdauert hat. Eine andere Nachricht übermittelt uns 392 Bischof Epiphanius von Salamis auf Zypern, ein geborener Jude. Er berichtet, dass Kaiser Hadrian noch im Jahre 132 Jerusalem so verwüstet vorfand, wie es Titus zerstörte, „mit Ausnahme einiger Häuser und einer kleinen Kirche Gottes, die sich dort erhob, wo nach der Himmelfahrt des Erlösers die Jünger in den Obersaal hinaufstiegen“. Kombiniert man nun beide Überlieferungen, so kann die kleine Kirche nur judenchristlich geprägt gewesen sein und sie ist mit der einzigen erhalten gebliebenen Synagoge gleichzusetzen, die der Pilger aus Bordeaux antraf.

Der hl. Hieronymus wusste dann um 385 schon von einer größeren Kirche, wohl einer Basilika, an diesem Ort. Ihre Reste oder die eines Nachfolgebaus kamen beim Neubau der Dormitiokirche in unmittelbarer Nachbarschaft zu Tage. Die Basilika wurde 614 von Persern beschädigt, fiel aber dann 1009 den umfangreichen Zerstörungen des Kalifen al-Hakim zum Opfer. Diese Ruine bauten dann die Kreuzfahrer wieder neu auf. Dabei befand sich der Abendmahlsaal erhöht im vorderen Teil der beiden Seitenschiffe. Doch auch diese Kirche wurde 1219 zerstört. Das Königspaar von Neapel, Robert und Sancia, erwarb 1333 vom Sultan von Ägypten die Überreste dieser Kirche, welche nach Einwilligung durch den Papst den Franziskanern übergeben wurde.

Die Franziskaner restaurierten den Teil der Kirche, in dem sich der Abendmahlsaal im Obergeschoss befand. Daneben entstand zudem ein kleines Kloster, dessen Kreuzgang südlich davon heute noch zu sehen ist, das 200 Jahre zum Hauptsitz der Franziskaner in Jerusalem wurde. 1523 zeichnete sich das Ende dieser Ära ab, als die osmanische Regierung beschloss, die Minderbrüder zu vertreiben. Zwar verhindert dies zunächst noch Diplomatie, aber 1551 war der Räumungsbefehl nicht mehr aufzuschieben. Damals glaubte man, dass sich das Grab von König David unter dem Abendmahlsaal befand und es damit untragbar ist, dass ungläubige Christen über den Köpfen der gläubigen Muslime „herumtrampeln“. Nun wurde der Abendmahlsaal zur Moschee, blieb jedoch in Privatbesitz der Familie Dadschani. 1948 floh im Unabhängigkeitskrieg die muslimische Bevölkerung, der Abendmahlsaal geriet hart an die Demarkationslinie und wurde israelisch, wobei er seinen Status als offiziellen Gebetsraum verlor.

In einem Raum unter dem Abendmahlsaal wird heute weiterhin das Grab von König David verehrt. Dies widerspricht jedoch dem alttestamentlichen Zeugnis, welches das Davidsgrab in der Davidsstadt ansiedelt (1Kön 2:10). Und neue Forschungen bestätigen: Die Davidsstadt schloss den heutigen Berg Zion mit dem Abendmahlsaal nicht mit ein. Dies wusste man natürlich im Mittelalter noch nicht und so hört man ab dem 10. Jahrhundert vom Davidsgrab an diesem Ort. Die Kreuzfahrer fanden diese Tradition vor und richteten den Raum unter dem Abendmahlsaal in seiner heutigen Gestalt ein. Vielleicht war dafür auch die Pfingstpredigt des Petrus in Apg 2:29 ausschlaggebend: „Männer, Brüder! Laßt mich freimütig reden zu euch vom Erzvater David. Er starb und wurde begraben, und sein Grab ist bei uns bis auf den heutigen Tag“. So verehren also seit über 1000 Jahren an diesem Ort Juden, Christen und Muslime David als Psalmendichter, Vorfahre Jesu und als Propheten, denn so wird er im Koran erwähnt.

Die Teilung von Jerusalem 1948 veränderte die Situation grundlegend: die Muslimen flüchteten, das jüdische Interesse jedoch konzentrierte sich nun auf das Davidsgrab, denn die meisten heiligen Orte waren für Juden unerreichbar, so die Klagemauer und der Tempel im jordanischen Ostteil der Stadt. Außerdem galt das biblische Großreich Davids als Vorbild für das wiedererstandene neue Israel. 1967 änderte sich auch diese Situation wieder: Nun kamen die Muslime aus Ost-Jerusalem und dem Westjordanland wieder zurück, Juden konnten die Klagemauer und andere heilige Bezirke in diesen Gebieten wieder besuchen.

Es blieb eine starke emotionale Bindung der Juden an diesem Ort bestehen. Dies erklärt vielleicht die heftigen Auseinandersetzungen beim Papstbesuch 2014. Damals streuten radikale jüdische Gruppen das Gerücht, die israelische Regierung werde dem Papst als Gastgeschenk den Abendmahlsaal samt Davidsgrab überlassen. So kam es zu überzogenen Reaktionen und Ausschreitungen. In der Umgebung des Davidsgrab siedelten sich nämlich in den letzten Jahren orthodox geprägte Juden vor allen aus der Diaspora, den USA an. Es entstand eine Jeschiva, eine jüdisch religiöse Schule. Gerade bei den US-amerikanischen Juden besteht eine Neigung zu Radikalismus, was von alteingesessenen Jerusalemer Juden nicht behauptet werden kann. Doch die radikalen Strömungen meiden und verhindern ein Nebeneinander von Juden und Nicht-Juden. Da das Davidsgrab heute eine orthodoxe Synagoge ist, ist es für sie daher unerträglich, dass im selben Gebäude für sie Götzendiener heidnische Gottesdienste abhalten.

Das überlieferte Regelwerk (status quo), welches das Zusammenleben der Religionen und Konfessionen regelt, sieht im Abendmahlsaal zweimal im Jahr christliche Gottesdienste vor: Zur Feier der Fußwaschung am Gründonnerstag und eine Vesper am Pfingstnachmittag. Im Jahr 2015 fiel der Pfingstsonntag auf das jüdische Wochenfest (Schavuot), an dem auch Geburts-und Todestag von König David am Davidsgrab gefeiert werden. So wurde von einigen radikalen Juden die Pfingstvesper im Abendmahlsaal als christliche Provokation betrachtet. Gerüchte wurden verbreitet: Etwa, das Katholiken dort eine Krönungszeremonie mit dem Kustos der Franziskaner Pizzaballa abhalten wollen. Dabei war der Kustos zu diesem Zeitpunkt in Jerusalem nicht anwesend. So musste das israelische Militär die christlichen Beter vor jüdischen Provokationen schützen. Die Prozession von Ordensleuten und Gläubigen bewegte sich durch ein Spalier von Soldaten, die sie vor jüdischen Demonstranten schützten hinein in den Abendmahlsaal zum Gottesdienst, dessen Ausgänge aus Sicherheitsgründen geschlossen werden mussten. Und so wiederholten sich in unheimlicher Weise 2015 die Worte der Hl. Schrift (Joh 20:19): „Als es nun Abend war an jenem ersten Wochentag und die Türen dort, wo die Jünger sich aufhielten, aus Furcht vor den Juden verschlossen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sprach zu ihnen: »Friede sei euch!«“

der emmauspilger

S.D.G.

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