Fasten auch mit den Sinnen

Die Fastenzeit war noch nie bloß eine Wellness-Kur, auch wenn sie heute oft so verstanden wird. Sie bezieht sich meist nur auf den Leib und soll durch Verzicht das Idealgewicht oder ein undefiniertes „Wohlbefinden“ wiederherstellen. Das christliche Fastenverständnis bezieht jedoch ebenso Geist und Seele in eine Reinigung mit ein. Es ist eine Vorbereitung auf das größte Fest im Kirchenjahr, die Raum schaffen soll für eine Begegnung mit Gott. Gott ist die Reinheit und sehnt sich nach Gleichem in den Gedanken, Taten und Worten von Menschen. Dieser kann in einem inneren Bedürfnis zur Reinheit überlegter und feinfühliger handeln und bewusster an eine Sache herangehen. Hier einige Gedanken dazu.

Gerade in der ersten Fastenwoche braucht man nicht ein „finsteres“ Gesicht machen (vgl. Mt 6:16ff.). Auch eine äußerliche Vernachlässigung ist unangebracht. Das Fasten ist keine Schaubühne für die Frommen, sondern ihr Übungspfad. In dieser Woche kann man andere und sich selbst bewusster wahrnehmen. Alltägliche Gewohnheiten können durchbrochen werden, Bequemlichkeiten abgelegt. Vielleicht wird dies durch einen Nahrungsverzicht geschehen, durch Einschränkung von ständiger Musikberieselung. Ertrage ich mich dann noch selbst? Kann ich mit mir alleine, meinen Gedanken noch umgehen? Auch eine bewusst schlichte und praktische Kleidung kann angebracht sein und ein interessierter Blick hinter die Fassade einer Kollegin oder eines Kollegen.

Das Auge verdient spätestens ab der 2. Fastenwoche eine Reinigung, allzu viel an Reizen und Informationen muss es das ganze Jahr über aufnehmen. Überall macht grelles künstliches Licht den Arbeitstag des Auges lang und anstrengend. Auf dem Land ist jetzt ein nächtlicher Blick in den Sternenhimmel entspannend und lässt die Größe Gottes bewusst erkennen. Man kann darauf achten, dass sich das Auge weniger täuschen lässt und das Wesentliche sieht. Man kann näher hinsehen und nun aufkommende innere Bilder zulassen. Reduzierte Zeiten für Illustrierte, Comics, Computer, Filme oder Fernsehen helfen dabei. Man kann sich bewusst auf einen Sonnenaufgang, ein schönes Gemälde konzentrieren und wahrnehmen.

Dem Hinhören auf Gott folgt Gehorsam. Man kann mehr auf die innere Stimme hören, das Wort Gottes in der Hl. Schrift und dem Willen Gottes. Fasten mit den Ohren geschieht durch Stille. Im Schweigen fällt das Hinhören leichter, auf Gott oder den Mitmenschen. Dann verstehen wir besser. Welche Gedanken bestimmen meinen Tag? Welche Dinge sprechen mich an und wecken Freude in mir, was verursacht Sorgen? Lassen sie noch Platz für die Freude an Gott? Jetzt ist die Zeit dem Ehepartner, dem Kollegen, Freunde und Nachbarn, aber auch einem eher unangenehmen Menschen zuzuhören und wahrzunehmen, was sie sagen, es anzunehmen. Die eigene Meinung muss nun nicht durchgesetzt werden. Mit Achtsamkeit kann man erkennen, wer das Gespräch mit einem sucht.

Das Wort aus meinem Mund kann aufbauen und zerstören. Das hinein hören in sich in den Wochen davor erleichtert eine Reflektion über die Worte, die man anderen sagt. Das eigene Verhalten kann hinterfragt werden. Dort, wo destruktiv gesprochen wird, man sonst selbst destruktiv spricht, kann man in dieser Woche Mut zusprechen, Menschen trösten und aufbauen, sein Gesprächsverhalten umkehren. Die Zunge darf in dieser Woche auf Naschereien und Genussmittel verzichten, ein weniger an Nahrung kann einem selbst wieder ein Gefühl des Hungers vermitteln, darunter viele Menschen auf der Welt leiden müssen. Eine bewusst zu sich genommene Nahrung lässt den Dank an Gott dafür und jene Menschen wachsen, die sie für Gott zu meinem Wohl erzeugt haben. Wie viele Lügen, sinnlose oder beleidigende Worte sind zudem in diesem Jahr schon über meine Lippen gekommen?

In der 5. Fastenwoche können die Hände mehr ruhen, weil sie sich der Geschäftigkeit des Alltags entziehen. Dadurch erhält man mehr Zeit dort tätig zu werden, wo die richtige Gelegenheit unsere Liebe fordert. Das Achten auf sich, seine Gedanken, befähigt besser dazu eine liebevolle Herzenshaltung nach außen sichtbar werden zu lassen. Hände können heilen, helfen, beten, mit Weihwasser benetzt werden und damit segnen. Ihr Handeln darf in dieser Woche im Auftrag Gottes und damit der Liebe für die Bedürfnisse des Nächsten geschehen. Gott gibt Tatkraft und befähigt dazu. Setze ich sie richtig ein? Handlungen können im Willen Gottes sein oder im Willen anderer. Welche führe ich lieber aus? Diese Woche soll eine Stressenthaltsamkeit prägen, die Hände gefaltet für das Gebet und offen für die Nöte des Nächsten sein.

Und dann, zu Ostern, ist die Freude groß: Der mich liebende Herr stirbt auch für meine Sünden, schenkt mir die Freiheit und erlöst mich von der Sklavenschaft. Seine Hände sind stets offen für die Liebe und das Geben an den Nächsten. Dieses öffnen hin zum Nächsten gipfelte darin, dass Jesus seine Hände durchbohren ließ. Und durch diese offenen Wunden an seinen Händen strahlt nun das Licht der Auferstehung. Seine leuchtenden Hände empfangen mich, bergen mich, zeigen seine Liebe für mich und schenken mir meine Auferstehung zum ewigen Leben mit ihm.

der emmauspilger
S.D.G.

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