„Allein die Liebe zählt“ (hl. Therese von Lisieux)

Therese_von_LisieuxEs geschieht allzu oft, dass ein Christ, aufgrund der göttlichen Inspiration in seiner Wiedergeburt, beginnt seine Tugendakte und kleinen Opfer zu zählen. Tatsächlich mag dies zu Anfang im geistlichen Leben eine hilfreiche Übung sein, jedoch muss der feine Grad beachtet werden, hinter dem es zu einer Leistungsreligion mutiert. Dies ist ein Angriff des bösen Geistes, der ein Kind Gottes in die fleischliche Haltung zurückversetzt, man müsse etwas leisten, um Gottes Liebe erhalten zu können. Doch die Liebe zählt und rechnet nicht. Vollkommenheit wird nicht durch ein „Konto“ voller Tugendakte und Opfer von Gott gewährt, sondern allein anhand des Grades der Liebe, mit denen sie vollführt wurden.

Liebe kann man nicht auf ein Konto einzahlen. Liebe verlangt sofort verschenkt zu werden. Liebe vermehrt sich, wenn man sie hergibt. Jesus Christus spricht in seiner Bergpredigt in Mt 5:3 von den Seligen, die arm im Geiste und doch im Himmelreich sind. Damit sind auch jene gemeint, die nichts sammelten in ihrem vielleicht langen Leben und deshalb am Ende nichts vorzuweisen haben, denn ihre ganzen Werke bestanden darin die Liebe weiterzugeben und andere Seelen damit zu gewinnen. Die Liebe sucht nicht den eigenen Vorteil, sie sucht den Moment an andere verschenkt zu werden.

So besteht der geistige Fortschritt nicht unbedingt darin etwas zu gewinnen, sondern zu verlieren. Manchem Christen mag die Frustration zu schaffen machen, die ihm überfällt, weil er kein bisschen des Wegs hin zu Gott voranzuschreiten scheint. Der böse Geist gibt ihm diese Depression, ein Gefühl der Gottverlassenheit, ein „geistiger Burnout“, der eine Verzweiflung hervorruft, weil immer das sündige Fleisch zu siegen scheint. Der Berg, an dessen Spitze Gott zu sitzen scheint, kann nicht erklommen werden. Dahinter steckt die Einstellung, dass man etwas zu erringen hat. Doch eigentlich hat man etwas zu verlieren: Die Einstellung, es selber tun zu wollen, zu müssen. Die heilige Kirchenlehrerin Therese von Lisieux sagt dazu: „Sie wollen einen Berg erklettern, der liebe Gott aber will, dass sie heruntersteigen: Er erwartet sie ganz unten, im fruchtbaren Tal der Demut“ (Ge 239).

Es ist ein „Loslassen“, auch jene „Gelassenheit“, von der schon Meister Eckhart spricht, die Menschen in vollkommener Armut und Hilflosigkeit vor Gott versetzt und so Platz macht für Frieden und Freude. Der Herr übernimmt es, die Seele mit allen seinen Gütern im Übermaß zu füllen, sobald man sie leert vom eigenen Hochmut. Die Seele wird offen für Gottes Gnade. Wer sich auf nichts anderes, als auf Gott stützt, zeigt den höchsten Grad an Vertrauen, an Glauben. Es darf kein Motiv etwas leisten zu wollen darin zu erkennen sein, wenn man Werke der Aszese und Buße anstrebt. Die hl. Therese von Lisieux drückt diese Armut vor Gott und ihr grenzenloses Vertrauen zu ihm so aus: „Wenn ich an das Wort des lieben Gottes denke: ‚Ich komme bald und trage meinen Lohn mit mir, um jeden nach seinen Werken zu vergelten‘ (vgl. Mt 16:27), dann sage ich zu mir, daß er bei mir in einer ‚schönen‘ Verlegenheit sein wird, denn ich habe keine Werke! Er wird mir also nicht nach meinen Werken vergelten können. Nun gut denn, ich vertraue, daß er mir dann nach Seinen eigenen Werken vergelten wird“ (Nv 6f; Ig 43).

Dies soll aber nicht heißen, man solle Aszese und Buße gänzlich ablehnen. Sie leisten oft große Hilfe, um etwa eine bessere Unterscheidung der Geister zu erlangen oder ein „Bad“ der Liebe für Gottes Gegenwart zu bereiten. Es wird aber Seelen geben, denen Gott nicht den Weg zu ihm in Askese wie bei den Wüstenvätern oder den großen heiligen Büßern weist, denn „der Herr bereitet im Haus des Vaters viele Wohnungen“ (vgl. Joh 14:2). Es wird Seelen geben, die nicht den Leib zur Buße und Askese erhielten, sondern den Geist. Und dieser Weg zu Gott mag oftmals sogar schwerer sein, ja unbegehbar, würde der Herr nicht unser Hirte sein.

Es ist jener „kleine Weg“ der hl. Therese von Lisieux, der dankbar alle von Gott geschenkten Gegebenheiten nützt, ihnen nicht ausweicht, sie nicht sucht oder manipuliert, sie nicht beklagt. Man erfreut sich ihrer oder erträgt sie, in der Liebe und aus Liebe zum Herrn. Man erfüllt diese Gegebenheiten mit seiner Demut, seinen gottgegebenen Talenten, seiner Geduld, seiner Sanftmut, mit der Frucht des Hl. Geists, eben mit der Liebe, die nicht den eigenen Vorteil sucht und sich nicht aufspart. Das sind dann Werke des Glaubens und der Liebe für Gott.

der emmauspilger
S.D.G.

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