Die Milchgrotte in Betlehem

Südlich vom Zentralplatz in Betlehem aus tritt man in einen kleinen Vorhof und vor eine barockisierte Fassade einer Kirche des Jahres 1935. Sie ist über der Milchgrotte, arabisch Magharet es Sitti Mariam, am Rande eines Ostabhangs gebaut. Hier soll sich die Gottesmutter vor den Gerichtsdienern des Herodes in Sicherheit gebracht haben, wie eine Legende aus dem 6. Jahrhundert erzählt. Diese wurde bald mit Details aus dem Matthäusevangelium ausgeschmückt. So soll hier der Ort gewesen sein, wo Joseph vom Engel im nächtlichen Traum von der Gefahr erfahren hat, die dem göttlichen Kind drohte, und den Auftrag erhalten haben nach Ägypten zu fliehen. Joseph drängte die gerade stillende Maria zur Eile und dabei fielen ein paar Tropfen ihrer Muttermilch auf den Boden. Sogleich färbte dieser sich vom üblichen rot des hiesigen Gesteins in strahlendes weiß. Der Felsen nahm nun heilende Eigenschaften an und vermochte jeden Müttern Milch zu geben, die ihr Kind nicht stillen konnten. Dieser Volksglaube wurde 850 vom Pilger Perdicca aus Ephesus bezeugt.

Der weiße Kalkfelsen der Grotte ist eine geologische Besonderheit der Gegend. In Europa sind seit dem 6. Jahrhundert Reliquien aus der Milchgrotte bekannt. Es ist pulverisiertes weißes Felsgestein der Grotte, Marienmilch genannt. Man presste dieses häufig in Form kleiner Figuren, von denen man bei Bedarf etwas Materie abschabte und in Wasser gelöst trank. Der Brauch der mitgegebenen kleinen Figuren hielt sich bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie waren wohl auch Vorbilder weiterer beliebter Wallfahrtsandenken anderer Wallfahrtsorte in Europa in Form von Schabfigürchen. Die älteste erhaltene aus der Milchgrotte stammt aus dem 7. Jahrhundert und ist in Oviedo aufbewahrt. Eine weitere befindet sich in einer Kirche in der Picardie, ein Geschenk Karls des Großen dorthin nach dem Jahr 800. Die große Wertschätzung solcher „Marienmilch-Reliquien“ zeigt auch eine Begebenheit aus dem Jahr 1123. Damals brachte eine solche Reliquie der Bischof Ascentino in das Feldlager von Balduin III., König im Hl. Land. Das große Ansehen der Milchgrotte verursachte, dass der Felsen immer weiter abgetragen wurde und die Grotte ihr ursprüngliches Aussehen verlor.

Ebenso seit dem 6. Jahrhundert wird die Milchgrotte als Heiligtum der stillenden Gottesmutter verehrt. Vielleicht gab es dort schon im 5. Jahrhundert eine Kirche der Maria lactans und noch früher ein Oratorium der hl. Paula. Historisch fassbar ist die gedankliche Widmung der stillenden Madonna in einer religiösen Gemeinschaft, die von 1349 bis 1353 in der Milchgrotte angesiedelt war. Damals wurde das Heiligtum stark beschädigt. 1375 ersuchten dann die Franziskaner bei Papst Gregor XI. eine Kirche mit Friedhof und Glockenturm bei der verehrten Grotte bauen zu dürfen, was auch genehmigt wurde. 1475 erfolgten erste Restaurierungsarbeiten an Kirche und Altar. Im 16. Jahrhundert zerstörte ein Erdbeben große Teile der Anlage samt Grotte.

Im Jahr 1871 errichteten dann die Franziskaner ein Pilgerhospiz mit Oratorium am hoch verehrten Ort. Später kam eine ansprechende Kirche mit Anbetungskapelle hinzu. Der Bogen auf halben Weg zum Treppenaufgang ist dabei besonders zu betrachten: Er ist abwechselnd mit rotem und weißem Stein ausgeführt. Es sind werdende Mütter, Christen und Muslime, die zu aller Zeit hierher pilgern. Sie bitten die „Herrin Maria“ um eine gute Niederkunft und um ausreichend Muttermilch für den zu stillenden Nachwuchs. Manchmal kann man auf der Straße vor der Milchgrotte auch Blutspuren erkennen. Es sind Brautpaare, die hier zu Ehren der „Herrin Maria“ Hammel schlachten und an Arme verteilen.

Der Mittelpunkt der Milchgrotte ist das Gnadenbild der Maria lactans, der stillenden Madonna. Dieser Typus von Mariendarstellungen wird Galaktotrophusa genannt und ist seit der Wende zum 4. Jahrhundert bekannt. Es ist ein archetypisches Bild, wird heute kaum mehr beachtet, jedoch findet das Sujet der stillenden Gottesmutter in seiner christlichen Ausprägung schon sehr früh eine besondere Erhöhung. An der Wende zum 8. Jahrhundert hält es Einzug in den Marienhymnus von Venantius Fortunatus, wenn er schreibt: „Du höchste Herrin, schönste Frau, hoch über Sternen steht dein Thron. Du trugst den Schöpfer, der dich schuf und nährtest ihn an deiner Brust“. Der frühmittelalterliche Text befindet sich heute ebenso im Stundengebet der römischen Kirche, wie im Gotteslob (648). Eine Legende des 16. Jahrhunderts besagt zudem, dass Antonius von Padua dieses liturgische Lied auf den Knien seiner Mutter gelernt hat. Gesichert ist seine Rezitation der Worte sterbend am 13. Juni 1231 (siehe seine Lebensbeschreibung Assidua).

Die mütterliche Zuwendung im Stillen ihres Kindes gilt schon immer als intimste Beziehungsform beider. Ein formales antikes Vorbild im Vorderen Orient findet sich in der Vorstellung der Göttin Isis, die dem Horusknaben ihre Brust reicht. Auch in der Sage der Zwillinge und Gründer Roms, Romulus und Remus, die von einer Wölfin gesäugt wurden, zeigt sich die Wichtigkeit der Milchnahrung für das Überleben des Kleinkinds. Die Muttermilch ist für Neugeborene geradezu ihr Lebenswasser. Das gehaltvolle Lebensmittel gilt in vielen Kulturen als Symbol der Fruchtbarkeit und auch der seelischen und geistigen Nahrung im Allgemeinen. Homer kennt Milch als Nahrungs-und Heilmittel. Milch und Honig werden im Alten Testament zum Inbegriff göttlicher Güter und eines seligen Lebens.

Im Bezug auf die Maria lactans findet man im Hohen Lied (Hld 4:11) eine bedeutungsvolle Stelle, wenn der Bräutigam sagt: „Von deinen Lippen, Braut, tropft Honig, Milch und Honig ist unter deiner Zunge“. Im Konzil von Ephesus 431 wurde Maria als „Theotokos“ definiert, als Gottesgebärerin, was die Entfaltung der Weihnachtsfeier und eine heilsgeschichtliche Perspektive aus der Sicht des gestillten Kindes eröffnete. Eine weitere Bibelstelle in Jesaja (60:16) erlangt in diesem Kontext ebenso Bedeutung: „Du wirst Milch der Völker saugen und an der Brust von Königen trinken“. Ursprünglich nimmt die Textstelle zwar Bezug auf das babylonische Exil, weist darauf hin, dass Gott sein Volk nach Zion heimführen wird, weitet aber gleichfalls den Blick auf die Erlösungstat Gottes in Jesus Christus, der als Kind an der Brust seiner Mutter gestillt wird. Dabei ist hier die Brust nicht als Fruchtbarkeitssymbol zu betrachten, sondern ganz biblisch als Sitz des Herzens. Zudem erhält man eine Ahnung von der frühen Gleichsetzung Mariens mit der Kirche. Mit der Muttermilch saugt Jesus Christus die ganze Menschheit an sich, so wie er auch am Kreuz „mich dürstet“ ausruft, wenn der ewige Gott seinen Hunger und Durst nach Menschenseelen stillt. Das göttliche Wort ist zum Menschen geworden, mit all seinen Bedürfnissen, in Windeln gewickelt und an der Mutterbrust genährt, in intimer Beziehung zu einer Mutter.

Die Milchgrotte betont in ihrer Darstellung und ihrer Legende die menschliche Natur Christi, ganz im Geiste des hl. Franziskus. Gott inkarniert in Knechtsgestalt, die Erlösung beginnt mit der Selbstentäußerung Gottes (Phil 2:6-8) und endet am höchsten Punkt zugleich in der größten Erniedrigung am Kreuz. Der Gedanke von Maria lactans steigert sich in einem hungernden Gott, einem Logos, der hungrig das Fleisch annimmt, um mit uneingeschränkten Ja sein Erlösungswerk zu vollbringen. So wird das göttliche Wort zu einem sterblichen Menschen, damit wir sterbliche Menschen das göttliche Leben empfangen (das sacrum commercium der weihnachtlichen Liturgie).

Hier in der Milchgrotte findet eine Art seliger und gütiger Tausch statt: Maria gibt dem Kind ihr Fleisch, ihre Milch, Gott gibt sein Fleisch und sein Blut für die Erlösung des Menschen. So betritt man mit der Milchgrotte auch einen theologischen Pfad in die unergründliche Tiefe der göttlichen Liebe. Er taucht ein in das Ostergeheimnis von Tod und Auferstehung. Auf dem Stern in der Milchgrotte steht: „Hic de Maria virgine natus est“. Gott selbst möchte in diese Welt kommen und menschliche Natur annehmen. Seine gewählte Zeit ist die Fülle der Zeit, erwählt in einer menschlichen Mutter, die in der Not ihm die Brust reicht. Zum Menschsein gehört Geborgenheit, Beziehungen, dies soll die Milchgrotte ebenso zum Ausdruck bringen.

So sind es wertvolle Perlmuttarbeiten, welche die Bewohner Betlehems als Schmuck der Grotte wählten. Selbst auf den Stufen hinab sind sie eingelegt, in den Bauch der Mutter Erde. Der Sohn Gottes stieg ebenso hinab, machte sich ganz klein, begann als kleiner Jesus an der Brust einer Mutter in Geborgenheit. Die Grotte erinnert jeden Menschen, dass auch er klein und hilflos begann, gerade dann, wenn der Hochmut zur Sünde verführen will. Wenn als Vorbild Gott sich zum Menschen hinablässt, dann kann auch der Mensch seinen Stolz verdemütigen und wieder Beziehung herstellen.

Heute sitzen gerne auch Frauen in der Grotte, denen noch keine Kinder geschenkt wurden. Viele erhalten eine Gebetserhörung, wenn sie hier um ein Kind bitten. Ein Franziskanerbruder gibt ebenso kleine Tütchen mit abgeschabten weißem Pulver von Felsen der Grotte weiter, versendet sie sogar auf Bitten hin in alle Welt. Eine Vielzahl von Antwortbriefen zeugen vom Erfolg seiner Mission, die bereits eine ganze Gebetsgemeinschaft für erfolgreichen Kinderwunsch hervorbrachte.

der emmauspilger wünscht allen Lesern ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.

S.D.G.

Quellen:
Petrozzi Maria Theresia: Betlehem. Die heiligen Stätten Palästinas. Jerusalem 1972;
Groiss Franz, Streiter Birgit, Vielhaber Christian, Weber Hubert Philipp: Maria lactans. Die Stillende in Kunst und Alltag. Wien 2010.

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