Spurensuche – Abraham in Jerusalem und Beerscheba

Im 22. Kapitel der Genesis wird das „Opfer Abrahams“ erwähnt. Der Ort des Opfers wird nicht erwähnt, nur dass Abraham in das Land Morija gehen soll (Gen 22:2). Die jüdische Tradition identifiziert den Tempelberg in Jerusalem als Ort des Opfers. Es soll jener Felsen gewesen sein, der sich heute inmitten des Felsendomes befindet. In 2Chr 3 errichtet Salomo den Tempel in Jerusalem auf diesen Berg Morija.

Der Felsen im Felsendom hat eine unregelmäßige Oberfläche und ragt 1,25 bis 2 Meter über das Fußbodenniveau hinaus. Zahlreiche Bearbeitungsspuren prägen ihn. Der Block hat eine Gesamtlänge von 15 Metern und eine Breite von 12 Metern. Die muslimischen Gläubigen umrunden den Stein und steigen oftmals in einen Gebetsraum hinab, der unter dem Felsen liegt. In diesem höhlenartigen Raum wird man in die Zeit des jüdischen Tempels zurückversetzt. In der Decke befindet sich eine 80 cm große Öffnung, die sich wie eine Röhre durch den Fels zieht. Eine zweite Öffnung hat einen Abfluss am Boden.

Die Archäologen vermuten, dass man sich in einer „Sickergrube“ des Brandopferaltars im ehemaligen Tempel befindet. In der jüdischen Tradition ist demnach das Opfer Abrahams überdeckt worden vom Opferaltar allgemein, für den der Fels als Fundament diente. Dort brachte man bis zur Zerstörung des Tempels Tieropfer dar und es war nötig Abfälle und Blut zu entsorgen. Dies geschah mittels der Sickergrube mit anschließendem Abfluss in einen Kanal zum Kidrontal. Im Islam hat das Opfer Abrahams, man nennt ihn hier „Ibrahim“, auch seine Bedeutung, sie ist aber nicht deckungsgleich mit der biblischen Erzählung. Eine frühe islamische Tradition lokalisierte das Geschehen gleichfalls in Jerusalem, aber sie wich der mystischen Himmelsreise des Propheten Mohammed, die im Koran beschrieben wird.

Eine andere samaritanische Tradition lässt das Opfer Abrahams am Berg Garizim geschehen. Dort befindet sich ein Ort, den man „Altar Isaaks“ nennt. Dabei handelt es sich nicht um einen Felsen, sondern um eine steinige, ebene Fläche von etwa 5 auf 15 Metern. Sie liegt zudem relativ abgeschieden, ist aber, im Gegensatz zum Felsendom, für Nicht-Muslime frei zugänglich.

Der sogenannte Patriarchenweg führt von Jerusalem 80 Kilometer Richtung Süden nach Beerscheba. Auf halben Weg liegt Hebron und ab hier ändert sich die Vegetation: Bei Hebron sind die Berge noch mit üppigen Wein- und Obstplantagen bedeckt, Richtung Süden beginnt nun eine steppenartige Landschaft. Schaf- und Ziegenherden begleiten den Weg bis Beerscheba, die „Hauptstadt der Beduinen“. Sie ist die Pforte zur Wüste Negev und gerade mal 100 Jahren alt. Dennoch ist sie eine der größten Städte Israels.

Am Stadtrand in der Nähe des „Nachal Beerscheba“, einem meist ausgetrockneten Flussbett, trifft man auf den Abrahamsbrunnen. Es ist jener Brunnen, der in Gen 21:22 erwähnt wird, wo auch der Ortsnamen erklärt wird: Beerscheba heißt Siebenbrunn oder Eidbrunn. In früherer Zeit umgab ein kleiner Park den Brunnen und wurde von christlichen und muslimischen Pilgern besucht. Nun wird der Brunnen von einem modernen Gebäude eingeschlossen, das ein Museum und Infozentrum aufnimmt. Rund um dieses Gelände lag einst das alte Beerscheba, das zeitweise 9 Hektar umfasste. Ausgrabungen der israelischen Altertümerverwaltung stießen auf Reste einer byzantinischen und eisenzeitlichen Siedlung.

Einige Kilometer entfernt vom Abrahamsbrunnen liegt der „Tell Scheba“. Er befindet sich in einem israelischen Nationalpark und eine Ausgrabung brachte eine Siedlung aus dem Chalkolithikum ans Licht, die in der Eisenzeit an Bedeutung gewann. Zu sehen sind ein umfangreiches Wassersystem, wie in Megiddo oder Hazor, Befestigungen und Lagerhäuser, die den Wohlstand einer bedeutenden Handelsstadt bezeugen. Einige Forscher meinen deshalb, und wegen eines gefundenen weiteren Brunnens, dass hier das alte Beerscheba lag. Dieser Brunnen vermittelt einen guten Eindruck von nomadischen Leben in früherer Zeit. Im Israelmuseum von Jerusalem befindet sich ein Fund aus Tell Scheba: Ein Hörner-Altar, dessen einzelnen Bausteine in einem Gebäude auf dem Tell Scheba verbaut waren. Eine Replik dieses Hörner-Altars steht am Eingang des Nationalparks und veranschaulicht den einstigen Opferkult im Judentum.

So sind es weniger die Bauten, die in Beerscheba an Abraham erinnern, sondern mehr das Gesamtbild. Auch in den Patriarchengeschichten wird von keinen festen Häusern, sondern Zelten erzählt. Neben einem Brunnen stand ein heiliger Baum (Gen 21:23) und ein Altar (Gen 26:25). Außerdem wird der Weg des Patriarchen Abraham auch zum Weg des Volkes Israel. Wo Abraham verweilte, seine Altäre errichtete, opferte auch Israel später ihrem Gott. Die Orte der Gotteserfahrungen beider waren identisch. Sieben Mal wird im AT die Redewendung „von Dan bis Beerscheba“ verwendet, weshalb man erahnen kann, wie wichtig dem Volk Israel einst Beerscheba war.

der emmauspilger
S.D.G.

Quellen: Volkmar Fritz: „Kleines Lexikon der Biblischen Archäologie“ 1987; Keel-Küchler: „Orte und Landschaften der Bibel. Bd. 2 Der Süden“ 1982; Welt und Umwelt der Bibel, Nr. 30, 2003.

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