Christusorte – Der See Gennesaret

Der See Gennesaret und seine Uferregion waren der Schwerpunkt des öffentlichen Wirkens von Jesus. Die Evangelisten sahen dies als Erfüllung einer alttestamentarischen Weissagung. Jedoch gab es auch irdischere Gründe: Das Seeufer war fruchtbar und zählte damals zu den dicht besiedelten Regionen Galiläas. Die in den Evangelien beschriebenen Scharen von Menschen sind deshalb keineswegs Übertreibungen. Der Name des Sees leitet sich von Gennesar ab, einer fruchtbaren Ebene in der Nähe von Magdala. Im Frühjahr wird die Schönheit der Region besonders deutlich: Ein blumengeschmücktes, grünes Kleid bedeckt die Uferregion und die umgebenden Hügel.

Der See liegt im syrisch-afrikanischen Graben, der geologisch in vorgeschichtlicher Zeit entstand, und sich von der südlichen Türkei über das Rote Meer und Ostafrika bis nach Mozambique erstreckt. Im Toten Meer hat dieser Graben eine Tiefe von 400 Meter unter dem Meeresspiegel, der See Gennesaret liegt 200 Meter unter dem Niveau des Mittelmeeres. Das meiste Süßwasser erhält der See vom Jordan, es ist sehr mineralhaltig.

Der See misst eine Länge von etwa 21 Kilometer und eine Breite von 12 Kilometer, seine Wasseroberfläche beträgt 538 qkm, etwa ein Drittel der Größe des Bodensees. Im nordöstlichen Teil hat der See eine Tiefe von etwa 50 Metern, wobei die Seehöhe zwischen Frühjahr und Herbst großen Schwankungen mit bis zu 6 Metern unterliegt. Gründe dafür sind einerseits die klimatischen Verhältnisse, die im Winter und Vorfrühling reichlichen Regen bescheren, während im übrigen Jahr Trockenheit vorherrscht. Andererseits dient der See als Wasserreservoir Israels und bewässert die südlichen Wüstengegenden des Negev. Der Petrus-Fisch, arabisch Muscht, ist der bekannteste Fisch des fischreichen Sees, in dem 18 Arten gezählt werden.

Das Alte Testament erwähnt den See Gennesaret sehr selten. Der „Jam Kinneret“ hat Bedeutung bei der Verteilung des Landes an die zwölf Stämme Israels (Num 34:11; Dtn 3:17; Jos 12:3; Jos 13:37). Namensgeber ist hier der Ort Kinneret, der an der Nordwestseite des Sees lag und sogar in altägyptischen Texten bezeugt wird, aber zur Zeit Jesu nicht mehr existierte. Im Neuen Testament trifft man auf keine einheitliche Bezeichnung des Sees. In Lk 5:1 wird er „See Gennesaret“ genannt, meist jedoch „See von Galiläa“ oder bei Johannes „See von Tiberias“ (Joh 6:21; 21:1), wie er auch in der alten rabbinischen Literatur bezeichnet wird.

Die Stadt Tiberias war auch die größte Stadt zur Zeit Jesu am südwestlichen Seeufer. Und die jüngste: denn der Vierfürst Herodes Antipas gründete sie 18 n. Chr., also zu Lebzeiten des Herrn. Herodes verlegte damals seine Residenz von Sepphoris im Bergland von Galiläa hierher, um den ewigen Sommer zu genießen. Tiberias spielt im Wirken Jesu und in den Evangelien keine Rolle, denn die gesetzestreuen Juden mieden den Ort, da er auf einen alten Friedhof errichtet wurde. Erst Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. ließ sich dort eine jüdische Gesetzesschule nieder und machte Tiberias nun zu einer heiligen Stätte des Judentums. Heute findet man hier eine kleine Pilgerherberge der Franziskaner und eine dem Hl. Petrus geweihte Kirche. Der Hafen ist zudem Ausgangspunkt zahlreicher Bootstouren auf dem See.

Entlang der Uferstraße nach Nordosten gelangt man nach Magdala. Es ist heute Ruinenfeld mit archäologischen Grabungen, das zu einem Teil den Franziskanern, zum anderen Teil den Legionären Christi gehört, die dort seit 2006 ein Pilgerzentrum betreiben mit einem archäologischen Park und einer neuen Pilgerkirche aus dem Jahr 2014. Deren Grundstein legte Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch im Hl. Land im Jahr 2009, der Tabernakel wurde von Papst Franziskus bei seinem Besuch in Jerusalem gesegnet. Eine chilenische Künstlerin gestaltete den Altar in Form eines Schiffes mit kreuzförmigem Mast, dahinter blickt man durch eine breite Glaswand auf den See Gennesaret. Zur Zeit Jesu war Magdala die größte Stadt am See und berühmt wegen des Fischfangs und der Fischverarbeitung. Die mit Salz gepökelten Fische wurden bis nach Rom gehandelt, die Stadt erlangte dadurch großen Reichtum. Dies bezeugen auch die Ausgrabungen: Mosaike, gemauerte Häuser, Marmorverkleidungen hier, gestampfte Lehmböden, Lehmziegel anderswo. Die Funde bezeugen auch das Vorhandensein einer jüdischen Synagoge aus dem 1. nachchristlichen Jahrhundert.

Aus den Evangelien erfährt man nichts von Besuchen des Herrn in Magdala. Zwei Gründe sprechen jedoch dafür: Wenn es in Mt 4:13 heißt, dass Jesus von Nazareth nach Kafarnaum ging, um dort zu wohnen, dann dürfte er seinen Weg als kürzeste Verbindung durch das Taubental gewählt haben, der in Magdala den See erreicht. Zweitens stammte Maria Magdalena aus Magdala, jene Frau, die Jesus „sieben Dämonen“ austrieb (Lk 8:2). Zwar wird nicht berichtet, wo der Herr dieses Wunder tat, aber Matthäus bezeugt in 4:23, dass Jesus in ganz Galiläa zu den Synagogen umherzog und das Volk von Krankheiten und Leiden heilte. Jedenfalls lässt der Bericht über Maria Magdalena erkennen, dass der Herr mit Frauen anders umgegangen ist, als es zu seiner Zeit unter Frommen üblich war.

In der Nähe von Magdala könnten auch noch zwei weitere Orte gelegen haben, welche die Evangelien erwähnen: Dalmanuta und Magadan (Mk 8:10; Mt 15:39). Beide tauchen im Zusammenhang mit der wunderbaren Speisung auf, ihre Lage bleibt unbekannt. Vielleicht meint Magadan sogar Magdala, wahrscheinlich ist überhaupt die Bucht von Magdala am See Gennesaret gemeint.

Das weiter östlich am Ufer des Sees gelegene Kibbuz Nof Ginnosar beherbergt heute eine Besonderheit: Ein antikes Boot aus der Zeit Jesu (ich berichtete bereits davon). Es wurde 1986 bei tiefem Wasserstand gefunden und konserviert und stammt aus der Zeit zwischen dem ersten vorchristlichen und ersten nachchristlichen Jahrhundert. Seine Größe reicht aus um, wie in den Evangelien beschrieben, 12 Apostel und Jesus transportieren zu können.

Weiter entlang Richtung Osten erreicht man den Ort der wunderbaren Speisung der Volksmenge durch den Herrn. Aus den Evangelien kann man jedoch nicht genau die Stätte dieses Wunders in der „einsamen Gegend“ nachweisen. Die Tradition verlegt sie allerdings bereits sehr früh nach Tabgha. Der griechische Name heptapegeon stand dafür Pate, was Siebenquell bedeutet. Die quellreiche Region wurde in der Römerzeit zur Bewässerung der benachbarten Ebene Ginnosar benützt. Archäologische Grabungen entdeckten hier Überreste zweier byzantinischer Kirchen aus der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts, welche 419 einem Erdbeben zum Opfer fielen, und ihrem Nachfolgebau um 480, der 614 von den Persern zerstört wurde. Ein alter Pilgerbericht der Nonne Egeria, der um 400 entstand, berichtet ebenso vom Ort der Brotvermehrung in Tabgha. Er und das Nahe Kafarnaum gerieten in islamischer Zeit in Vergessenheit, beide werden aber in jüngster Zeit wieder mit Leben erfüllt. Das Gebiet um Tabgha erwarb Ende des 19 Jahrhunderts der Deutsche Verein vom Hl. Land in Köln. Ein wertvoller Fund bei archäologischen Grabungen war ein wunderbares Mosaik aus dem 5. Jahrhundert. Es zeigt einen Korb mit vier Broten und zwei Fischen, ein Hinweis auf die Brotvermehrung.

Unweit von Tabgha befindet sich ein Heiligtum der Franziskaner, der an den auferstandenen Herr erinnert. Die Pilgerin Egeria berichtet von der langen Tradition des Ortes, an dem der Herr auf Steinstufen stand bei der Ostererscheinung aus Joh 21:4. Der Evangelist schreibt von der Rückkehr des Petrus zu seinem alten Fischerberuf, jedoch führte ihn der Herr zur besonderen Berufung zum Hirten der Kirche zurück (Joh 21:15-23). Die 1934 hier errichtete Kapelle heißt deshalb auch „Primatskapelle“. Sie ist über ein Felsenstück erbaut, das „Mensa Domini“ (Tisch des Herrn), auf dem der Auferstandene das Mahl für die Apostel vorbereitete. Ausgrabungen weisen darauf hin, dass dieser Ort bereits im 4. Jahrhundert verehrt wurde. Im 5. Jahrhundert wurde dort eine größere Kirche erbaut, die 614 die Perser zerstörten. Doch schon bald erfuhr sie einen Wiederaufbau und während der Kreuzfahrerzeit ersetzte man sie durch eine Holzstabkirche, die im norwegischen Stil errichtet wurde. Ein aus Russland stammender Abt mit Namen Daniel beschreibt sie 1106 in seinem Pilgerbericht. 1263 jedoch wurde auch diese Kirche zerstört, diesmal durch den Mamelukensultan Baibar. Aus den folgenden Jahrhunderten sind zwar Besuche von Pilgern bei diesen Ruinen überliefert, aber erst 1933 konnten die Franziskaner einen Kirchenneubau beginnen.

Die Pilgerin Egeria berichtet noch von einem weiteren Ort des Wirkens des Herrn am See Gennesaret: Eine Höhle auf einem Berg, vor der Jesus die Bergpredigt sprach. Seine Worte bezeugte Matthäus in den Kapitel 5 bis 7 seines Evangeliums. Egeria weiß auch um die lange Tradition der Verehrung dieses Ortes der Seligpreisungen und Archäologen entdeckten Höhlen auf der Anhöhe nördlich von Tabgha. Die heutige Gedenkstätte liegt weiter oben ohne Bezug zu alten Traditionen. Der Bauplatz sollte in den 1930er Jahren einfach an der schönsten Stelle der Gegend sein und so bietet sich heute von dort dem Besucher ein grandioser Blick auf den gesamten See und die einrahmenden Hügel, von den Golanhöhen bis zu den Hörnern von Hattim im Westen, Ort der verlorenen Schlacht der Kreuzfahrer von 1187. Um die Kapelle schmiegt sich zudem ein paradiesischer Garten und verweist auf jenen Ort, wo sich die Menschheit befinden würde, wenn sie die Botschaft der Bergpredigt umsetzte.

Die Uferstraße nach Osten entlang, an Kafarnaum vorbei, überquert man den Jordan und erreicht Betsaida. Der Ort wird dreizehnmal in den Evangelien erwähnt und meint übersetzt „Fischhausen“. Archäologisch wurde er mit einem Hügel „et-Tell“ identifiziert, der einst direkt am See lag, aber dessen Ufer sich durch ein Erdbeben zurückverlagerte. Das biblische Betsaida ist Heimat des Brüderpaars Petrus und Andreas und von Philippus. Hier geschah die Blindenheilung aus dem Markusevangelium (Mk 8:22-26) und wurde vom Herrn der Fluch auch über Chorazin und Kafarnaum ausgesprochen (Mt 11:21; Lk 10:13ff.). Betsaida war laut dem Geschichtsschreiber Josephus Flavius ein aufstrebender Ort, welcher hellenistischer Kultur offen gegenüber stand. Bei Ausgrabungen fand man deshalb bestätigend einen römischen Tempel und der Tetrarch Philippus gab Betsaida 30 n. Chr. den Beinamen Julia, nach der Frau des Kaisers Augustus Livia Julia. Auch die Namen der beiden Apostel sind ein Hinweis: Es sind griechische Namen.

Von Betsaida aus auf der Ostuferstraße nach Süden erreicht man Kursi. Ausgrabungen haben dort am Fuße der Golanhöhen eine Klosteranlage aus dem 5. Jahrhundert ans Licht gebracht. Weitere Funde, wie ein Pilgerhospiz, lassen vermuten, dass hier der Ort der Heilung eines Besessenen ist (Mk 5:1; Lk 8:26; Mt 8:28). Gerasa, Gadara, das sind die in den Evangelien verwendeten Bezeichnungen der Stelle und man bleibt etwas ratlos hier zurück, wie es sich an einem unheimlichen Ort der Dämonenaustreibung gebührt.

Jesus verließ diesen Ort wieder per Boot. Er wird das wunderbare Panorama genossen haben, ebenso wie im Sommer die frische Brise des Seewindes. Doch dieser See kann auch ein anderes Gesicht zeigen. Das Evangelium berichtet von einem Seesturm (Mk 4:35-40) und verweist nicht nur auf eine Begebenheit der Jünger mit dem Herrn, sondern auch auf eine Glaubenserfahrung: Gott mag für uns Menschen schlafen, nicht da sein, aber zur gegebenen Zeit lässt er uns im Sturm des Lebens nicht allein. Matthäus beschreibt in 14:22-23 den heftigen Gegenwind, welcher den Jüngern beim Rudern entgegenschlug. Doch Jesus sah sie von Weitem, er ging ihnen über das Wasser entgegen und greift sofort nach Petrus, der in den Fluten unterzugehen droht. Der Herr nannte ihn den Kleingläubigen, weil er ihm nicht vertraute. Daran kann man sich erinnern, wenn man ebenso wie Petrus in den Fluten der Probleme zu ertrinken droht, aber auf den Herrn vertraut, ihn vertrauensvoll hinzuzieht, denn: „Als er ins Boot gestiegen war, legte sich der Wind“ (Mt 14:33).

der emmauspilger
S.D.G.

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