Steckbrief: Die Franziskaner in Syrien

Höchstwahrscheinlich erreichten die Franziskaner schon um das Jahr 1230 Damaskus, gleich am Anfang ihrer Präsenz im Hl. Land. Der Hl. Franziskus selbst wird dem Sultan von Damaskus Kind Al-Saleh beim historischen Treffen von Damiette begegnet sein. Dieses Treffen fand 1219/1220 bei dessen Bruder statt, Sultan Kamel Al Ayoubi. Damals begann der freundschaftliche und direkte Kontakt des Ordens mit den muslimischen Herrschern.

Der Richter von Damaskus erteilte 1630 dem Orden die Erlaubnis in ihrer Ordenskirche eine Pfarrei zu gründen und die lateinische Liturgie in den Gottesdiensten zu halten. 1668 wird von einem kleinen Konvent am „Bab Touma“, Tor des Thomas, berichtet, den die Brüder mit einer maronitischen Kirche erbauten, in der auch die maronitische Liturgie erlaubt war. Dafür mussten Steuern und Abgaben an den Stadtgouverneur bezahlt werden. Die Sorge der Brüder galt stets der maronitischen Kirche, später erhielten sie den Auftrag für diese zu dienen.

Der Hl. Paulus wurde 1717 zum Patron einer neu erbauten Franziskanerkirche in Damaskus. Auch ein neuer Konvent wurde errichtet mit angeschlossener Schule. In ihr wurde für Studenten der Region Sprachwissenschaft und östliche Sprachen gelehrt. Die Schule umfasste 83 Studenten inklusive Lehrkollegium. Diese Kirche, der Konvent und die Schule, wurden 1860 beim Aufstand und der Revolution der Drusen gegen die Maroniten zerstört. Dabei starben acht Brüder und drei maronitische Laien als Märtyrer. Darunter war der Bruder Engelbert Kolland aus dem Zillertal in Tirol. Nach einem ausgehandelten Waffenstillstand und Friedensschluss konnte das wieder aufgebaute Kloster, Konvent und Schule 1866 bezogen werden. In neuerer Zeit wurde dieses Kloster Zentrum der lateinischen Ordensleute in Damaskus.

Es war um das Jahr 1800, als die Franziskaner eine baufällige Kirche kauften, die als Wohnung des Hl. Hananias galt. Er taufte nach Apg 9:18 den Hl. Paulus. Nachdem die Brüder die Kirche in ein christliches Heiligtum umgestalteten, wurde es später zu einer Moschee für Muslime. Aber 1820 erwarben die Franziskaner das Heiligtum erneut für eine sehr große Geldsumme. Seitdem ist das Heiligtum eine wichtige Pilgerstätte in Damaskus. Im Jahr 2000 entstand nebenan ein Pilgerhaus und es werden Flüchtlinge versorgt.

Einst lag außerhalb der Stadtmauern ein kleiner christlicher Friedhof, in dessen Nähe unter der Erdoberfläche eine Kapelle in einer Höhle existierte. Die Franziskaner erwarben 1830 das als Al-Tabbaleh bekannte Grundstück, 800 Meter südlich vom Ost-Tor. Dort begann einst die „Königsstraße“ genannte Römerstraße nach Daraa und Akaba. In jenem kleinen Abschnitt der Straße ereignete sich wahrscheinlich die Bekehrungsvision des Hl. Paulus. 1925 wurde an der Stelle eine kleine Kapelle errichtet, die man 1967 vergrößerte. Der Grund dafür war die historische Begegnung von Papst Paul VI. mit Seiner Heiligkeit Patriarch Athenagoras. Es war die erste Begegnung überhaupt der Führer der katholischen und der orthodoxen Kirche seit mehr als 900 Jahren. Der Wunsch einer Gedenkstätte beider Oberhäupter verwirklichte man an dieser Stelle mit einem zeltförmigen Gebäude. Nebenan wurde 1971 eine Tagungsstätte für religiöse Konferenzen eingeweiht. Auch die Höhle restaurierten die Franziskaner und öffneten sie für Pilger im Jahr 2008. Zusammen mit den Schwestern des Ordens des „Unbefleckten Herzens Mariens“ entstand ein Zentrum für Pilger, Ausbildung von Katecheten und kostenloser medizinischer Versorgung für die Gläubigen. 2007 kamen ein Kindergarten und eine Vorschule hinzu, die 2010 für über 100 Kinder erweitert wurde.

Die fortschreitende Ausdehnung der Stadt machte es notwendig, dass die Franziskaner 1925/1926 im Stadtviertel Al-Salihiya eine neue Kirche für Antonius von Padua errichteten. Daran angrenzend entstand ein Kloster für die Seelsorge der Region, aber auch der katholischen Botschaftsangehörigen aller Staaten der Welt, die diplomatische Beziehungen mit Syrien hatten. Flüchtlinge aus dem Irak und Sudan finden hier Hilfe.

Syrien seit Beginn des Bürgerkriegs
Am 11. Januar 2014 wurde P. George Abu Khazen, ein Franziskaner, zum neuen Bischofsvikar von Aleppo ernannt. Er bat die syrischen Christen, aufgrund des Syrienkonflikts nicht ihr Land und ihre Kirche zu verlassen. Zu Kriegsbeginn entstanden vier Auffangstationen in Syrien, die ca. 200 Menschen einen Schlafplatz geben und etwa 400 Personen täglich mit Essen, Medizin und Kleidung versorgen. Insgesamt sind 11 Franziskaner in Syrien tätig: in Damaskus in der St. Hananias-Kapelle, in Tabbaleh und in der Pfarrei St. Antonius von Padua sowie in Aleppo, Latakia und den Klöstern südwestlich von Aleppo am Orontes.

Eines dieser Klöster in Yacubiyah, nahe der türkischen Grenze, wurde dabei am 20. Juli 2014 von einer Rakete eines Flugzeugs der Regierung getroffen und schwer beschädigt. Tote gab es keine. Am 7. Oktober entführten islamistische Rebellenbrigaden aus dem Kloster Knayeh, ebenfalls am Orontes gelegen, den Pfarrer des Dorfes Fr. Hanna Jallouf OFM zusammen mit einigen Christen seiner Pfarrei. Pater Hanna erlangte zwar am 9. Oktober wieder die Freiheit, aber er wurde von den Rebellen im Kloster Knayeh unter Hausarrest gestellt, um seine christliche pastorale Arbeit zu verhindern. Zudem droht ihm ein Gerichtsverfahren vor einem islamischen Rebellengericht.

Die Franziskaner in Damaskus unterstützen derzeit hundert christliche Flüchtlingsfamilien aus katholisch-orientalischen oder von orthodoxen Riten. In Latakia sind es 200 Familien und insgesamt in Syrien 1200 Familien, die Nahrungsmittel und Medikamente erhalten. Die Franziskaner beteiligen sich zudem am Aufbau zerstörter Häuser und kaufen Pfarrangehörige frei, die von Rebellen zur Erpressung von Lösegeld entführt werden. In Aleppo kommt es zu Krankheitsfällen aufgrund von verschmutztem Wasser. Wo die Franziskaner in den Konventen eigene Brunnen besitzen, werden die Türen geöffnet, damit die Menschen sauberes Wasser holen können. Manche Konvente bohren neue Brunnen zur Hilfe für die Bedürftigen. Das syrische Pfund fiel aufgrund der hohen Inflation als Zahlungsmittel weg und die Lebenshaltungskosten steigen unentwegt. Nun wird der Dollar verwendet, was aber verboten ist.

Besonders tragisch waren die Artilleriebeschüsse von syrischen Rebellen auf den Stadtteil Suleimaniye in Aleppo zwischen dem 10. und 11. April 2015, die eine weitaus höhere Zerstörungskraft hatten, als die bisher erfolgten. Gerade Christen befürchteten nun, dass die islamische Front der IS die Stadt einnehmen könnte, was schlimmer wäre, als die bisherige Belagerung der Regierungstruppen Assads. So verließen ca. 700 Menschen den Stadtteil aus Furcht und Frustration und flüchteten. Die vier franziskanischen Brüder in Aleppo-Azizieh, ganz in der Nähe des zerstörten Bezirks, beschlossen daraufhin das „Terra-Sancta-College“ (es wurde, wie die meisten christlichen Schulen, vor 30 Jahren von der syrischen Regierung geschlossen) in einem relativ ruhigen Bezirk am Stadtrand zu einem dauerhaften Ort für Flüchtlingsfamilien zu verwandeln. Außer in Aleppo ist im ganzen Land das Gesundheitssystem zusammengebrochen, weil die meisten Ärzte geflohen sind. Erst kürzlich eroberten und zerstörten die islamischen Dschihadisten der al-Nusra im Norden von Syrien in der Nähe der Stadt Jisr al-Shugur das Eigentum der franziskanischen Kustodie im Hl. Land.

der emmauspilger

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