Qumran und die Essener

Die Funde von Qumran wecken immer wieder das Interesse der Öffentlichkeit. Dabei konzentrieren sich die Diskussionen meist auf die archäologischen Entdeckungen und die Ruinen, auf die in der Nähe gefundenen Schriftrollen sowie auf die jüdische Gruppierung der Essener. In Hypothesen werden alle drei Punkte zusammengefasst, die besagen, dass in Qumran eine Mönchsgemeinschaft lebte, die in Höhlen eine Sammlung von Schriftrollen einlagerten. Diese Gemeinschaft sind die Essener. Doch in diesen hergebrachten Theorien gibt es Ungereimtheiten, nicht alle Fragen werden beantwortet.

Die Ruinen von Qumran wurden im 19. Jahrhundert bekannt. Zunächst wenig beachtet, änderte sich dies mit dem Fund der Schriftrollen 1947. Nun erst folgten umfangreiche Ausgrabungen, nach denen man die Geschichte von Qumran in etwa einordnen konnte. So reichen erste Spuren einer Befestigungsanlage in das 8. Jahrhundert vor Christus zurück, die etwa 200 Jahre genutzt wurde. Sehr viel später fand eine Wiederbesiedelung statt, zunächst als befestigte Wegstation unter Johannes Hyrkanus I. (134-104 v. Chr.), dann unter seinem Nachfolger Alexander Jannai als nun unbefestigte, aber erweiterte Siedlung. 31 v. Chr. wurde diese bei einem Erdbeben zerstört und der Ort blieb 30 Jahre unbewohnt. Um Christi Geburt wurde Qumran wieder aufgebaut. Den Bewohnern war dabei Schutz und Abschottung sehr wichtig. Römische Truppen zerstörten diese Ansiedlung dann 68 n. Chr. und nutzten sie nur noch wenige Jahre als kleine Garnison.

Die Reste von ca. 950 Schriften wurden in elf Höhlen in der Nähe der Ruinen gefunden. Darunter sind etwa 200 alttestamentliche Texte, die nichts über den Verfasser aussagen, denn sie sind nicht signiert. Einige der nicht biblischen Texte zeigen Gemeinsamkeiten, die sie von anderen jüdischen Texten der damaligen Zeit unterscheiden. Diese Schriften wurden von der Mitte des zweiten bis zur Mitte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts von einer streng-religiösen jüdischen Gruppierung verfasst, die ein nicht identifizierter „Lehrer der Gerechtigkeit“ gründete. Aus den Texten erfährt man von dieser Gemeinschaft, dass sie sich als „Gemeinschaft des erneuten Bundes“ und als „Söhne des Lichts“ verstand. Ihre Vorbereitung galt der Auseinandersetzung mit den „Söhnen der Finsternis“, die bald bevorstand. Das Weltbild war demnach dualistisch in gut und böse zweigeteilt. Dabei wurden die Sadduzäer und Pharisäer verachtet, der Tempelkult glitt in Unreinheit ab. Die „Ordensregeln“ der Gemeinschaft beschreibt zölibatär lebende Männer, aber auch Familien, die ein strenges und asketisches Leben in der Wüste ohne jeglichen persönlichen Besitz führten. Zu den Pflichten zählten vorgeschriebene Gebete, Schriftstudium, rituelle Waschungen und gemeinsame Mahlzeiten, beaufsichtigt durch eine streng geregelte Hierarchie. Die Leitung übernahm ein Rat aus zwölf Laien und drei Priestern, die auch die lange und mehrstufige Probezeit von neuen Mitgliedern überwachte.

Informationen über die Essener erhält man aus einer Reihe von jüdischen, heidnischen, später auch christlichen Quellen. So von Flavius Josephus, der berichtet, dass die etwa 4000 Essener an ein vorbestimmtes Schicksal glauben und eine unsterbliche Seele mit dem Leib als Gefängnis. Diese Anschauung lehnt sich stark an griechisch-philosophische Schulen der Zeit an. Die Seele geht nach dem Tod in das Paradies oder in die Hölle. Die Ehe wurde gering geachtet, weshalb viele unverheiratet blieben. Persönlicher Reichtum war verachtet, alles wurde in einer Gütergemeinschaft verwaltet. Das asketische Leben unterlag einer hierarchischen Struktur. Die Essener lebten in Städte und schwiegen während der meisten Zeit des Tages. Rituelle Bäder, Schriftstudium und gemeinsame Mahlzeiten waren obligatorisch. Verfehlungen während der Probezeit führten zum Ausschluss aus der Gemeinschaft, manchmal nur auf Zeit. Die Sabbatruhe musste unbedingt gehalten werden, Eide waren abzulehnen.

Eine weitere historische Quelle ist der jüdische Philosoph Philo von Alexandrien, der dort um die Zeitenwende lebte. Er berichtet, dass man Essener nicht von der Abstammung her ist, sondern sich der Gemeinschaft anschließt. Die Essener sind fleißig und heiraten nicht. Sie produzieren keine Waffen und erdulden Verfolgung. Plinius der Ältere, ein römischer Gelehrter aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert, erwähnt die Essener in seiner „Naturgeschichte“. Demnach lebten sie westlich vom Toten Meer, unterhalb von En Gedi. Sie sind einsame und verwunderliche Menschen, die ohne Frauen und ohne Geld beisammen sind.

Die antiken Quellen zeigen eine große Übereinstimmung, was die Vorstellungen über die Essener betreffen. Diese Übereinstimmung setzt sich in den Texten der Schriftrollen fort. Allerdings erwähnt Flavius Josephus, dass die Essener in Städten lebten, was einer rigorosen religiösen Absonderung widersprechen würde. Die Qumran-Schriften wissen auch nichts von einer Ablehnung von Eiden, sie werden im Gegenteil manchmal sogar gefordert. Auch das Schweigegebot ist innerhalb der Gemeinschaft nicht belegt. Andererseits sind die zentralen Messias-Vorstellungen in den Schriften der Gemeinschaft in den Texten der Essener nicht nachweisbar.

Die archäologischen Funde und die Texte lassen sich hingegen nur schwer miteinander vergleichen. Die Weltanschauung der Essener oder der Qumran-Gemeinschaft sowie deren Lebenswirklichkeit hinterlassen kaum archäologisch fassbare Spuren. Die Siedlung bestand meist aus Gemeinschaftsräumen, weniger aus Wohnräumen, die vielleicht als Zelte oder Hütten auf den Flachdächern standen. Die soliden Gebäude sind schmucklos, prägnant sind jedoch die umfangreichen Wasserleitungen und Wasserbecken für rituelle Bäder. Auffallend ist zudem ein Saal mit steinernen Bänken und Tischen, der als Schreibstube definiert wird, fand man darin doch drei tönerne Tintenfässer. Altäre und Tempel konnten nicht entdeckt werden, allerdings mehrere Brennöfen und viel Keramik, die identisch mit der in den Höhlen gefundenen ist und keine Luxusimportware darstellt. Die Menge der Keramik lässt auf die große Bedeutung von Mahlzeiten schließen. Die übrigen Funde aus Stein, Glas, Metall und Textilien entsprechen jüdischen Reinheitsvorschriften. Die sanitären Anlagen standen etwas abseits und die Untersuchungen der Hinterlassenschaften decken gesundheitliche Probleme der Bewohner auf. Sie litten besonders unter Parasitenbefall, was durch die mehrfache Benützung desselben Wassers von Menschen in den rituellen Tauchbädern erklärt werden kann. Die entdeckten Münzen helfen bei der Datierung, zeigen aber auch einen gewissen Reichtum der Gemeinschaft. Der Friedhof von Qumran wurde auch nach dem Untergang der Siedlung von Beduinen genutzt. Er enthüllt, dass in den Gräbern der Qumran-Zeit nur wenige Frauen und Kinder beigesetzt waren.

Es gilt demnach als gesichert, dass die Bewohner von Qumran eine jüdisch-religiöse Gemeinschaft ohne militärische Bedeutung waren. Sie verfassten einige der Qumran-Texte oder schrieben sie ab. Zudem war Qumran keine rein landwirtschaftliche Siedlung, dennoch strebten sie nach Autarkie in einer dazu wenig geeigneten Wüstengegend. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Balsam zur Parfümgewinnung produziert wurde, wie er in Jericho und En Gedi bezeugt ist, allerdings findet man keinen konkreten Hinweis darauf in Texten oder in archäologischen Funden. Die produzierte Keramik in Qumran hatte keine überregionale Bedeutung. Ein wirtschaftlicher Nutzen hierfür wurde durch das kaum vorhandene Wasser verhindert, die vorhandenen Wasserreservoire waren dazu auch unzweckmäßig konstruiert, weshalb diese eher auf rituelle Badeanlagen verweisen. Qumran war ebenso keine Wegstation an einer Handelsroute, keine Karawanserei, keine römische Villa.

Gegen die Hypothese, bei Qumran handelt es sich um eine nicht-religiöse Ansiedlung, sprechen die gefundenen Texte. Man mutmaßte, sie stammen aus der Jerusalemer Tempelbibliothek, die vor den herannahenden Römern in Sicherheit gebracht wurde. Dagegen sprechen jedoch die scharfe Kritik der Texte am Tempelkult, die Verbindung zur Qumran-Gemeinschaft und der Umstand, dass es aus theologischer Sicht bei den jüdischen Autoritäten nicht denkbar war, dass die Wohnung Gottes auf Erden, der Tempel, tatsächlich zerstört wird. Eine andere theoretische Möglichkeit wäre, die Essener oder andere Gruppen, besaßen eine umfangreiche Bibliothek, die sie nach Qumran brachten.

Nimmt man an, Qumran war eine religiöse jüdische Siedlung, muss man auch die Bewohner identifizieren. Flavius Josephus kannte damals vier jüdische Strömungen: Pharisäer, Sadduzäer, Zeloten und Essener. Pharisäer wollten jedoch keine abgesonderte Gruppe sein, vom Volk geachtet und sie hatten großen Einfluss im jüdischen Leben. Die elitären Sadduzäer andererseits sahen den Tempelgottesdienst in Jerusalem als zentral, der in den Qumran-Texten scharf verurteilt wurde. Die Zeloten galten als „Eiferer“ gegen die römische Besatzung, waren eine politische Strömung und sind erst in den letzten Jahrzehnten von Qumran entstanden. So bleiben nurmehr die Essener übrig oder eine nicht identifizierte Gruppe, für die es allerdings kaum Argumente gibt.

Die Essener und die Qumran-Gemeinschaft hatten Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede, wie bereits erwähnt. Diese Unterschiede können durch die differenzierende Außenwahrnehmung entstehen, im Gegensatz zur Art und Weise wie sich eine abgesonderte Gruppe selbst sieht. Auch der theoretische Anspruch aus den Schriften kann von der Lebenswirklichkeit abweichen. Texte der Qumran-Gemeinschaft und der Essener lassen Hinweise erkennen, dass es auch Unterschiede innerhalb der Gruppe gab, einen zölibatär lebenden inneren Kreis und andere, auch Familien, die ähnliche geistige Grundwerte teilten, die jedoch auch in Städten und Dörfern wohnten. Es wäre ebenso möglich, dass sich eine Gruppe von den Essenern abspaltete.

Manchmal wird auch erklärt, Johannes der Täufer und Jesus Christus könnten in Qumran studiert haben. Das Neue Testament oder andere frühchristliche Schriften geben keine Hinweise auf eine solche Verbindung. Auch die Qumran-Texte selbst legen eine solche nicht nahe. Die Qumran-Gemeinde und die Bewegung um Jesus hatten sicherlich Gemeinsamkeiten, so in der Messias-Erwartung oder in kultischen Bädern einerseits und der Taufe andererseits. Doch die Unterschiede überwiegen: Jesus lehnte mit den ersten Jüngern den Tempelgottesdienst nicht ab, der erste Jünger-Kreis kannte keine strenge Hierarchie, keine Probezeit, keine Askese, keinen Ausschluss. Johannes und Jesus predigten zur Volksmenge, Jesus breitete sein Wirken sogar auf Heiden aus. Mit der elitären Qumran-Gemeinschaft hat dies wenig gemein, die sich auch als wahres Israel verstand. In Qumran war man sogar noch rigoroser in der biblischen Lehre, als die Pharisäer, welche in den Augen Jesu bereits in ihrem Gesetzeseifer übertrieben. So erfährt man aus den Qumran-Texten, dass „wenn ein Tier in einen Brunnen oder einen Graben fällt, ziehe es niemand am Sabbat heraus“, ja nicht einmal ein Mensch dürfe heraus gezogen werden (Damaskusdokument XI:13-17).

Ob nun die Schriften aus Qumran den Essenern zugeordnet werden können oder nicht, es nimmt ihnen nichts, als wichtige Quelle für eine jüdische Gruppierung zu gelten, die Zeitgenossen von Jesus waren. Das Besondere ist ihre Originalität und keinesfalls nur mittelalterliche Abschriften. Revolutionäre Neuheiten entdeckt man darin nicht, aber sie sind einzigartige Quellen für das Umfeld, in dem das frühe Christentum entstehen konnte und aufblühte.

der emmauspilger

S.D.G.

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