Betlehem heute

Seit dem Bau der israelischen Sicherheitsmauer verschärften sich die sozialen Probleme in den Palästinensergebieten und beispielhaft in Betlehem. Sie werden zudem durch kulturelle und religiöse Strömungen innerhalb der Gesellschaft verstärkt. Christen befinden sich oftmals zwischen den Fronten wieder. Einerseits sind sie arabische Palästinenser, andererseits besitzen sie andere moralische und soziale Lebenspläne, als muslimische Palästinenser.

Die Palästinenser fühlen sich in einem von Israel und den Juden besetzten Land beheimatet. Deren mit Zäunen eingefriedeten Siedlungen thronen mit ihren Wachtürmen bedrohlich auf den Hügeln. In den Zonen B und C der Palästinensergebiete im Westjordanland werden sie vom israelischen Militär als Ordnungsmacht geschützt. Die Zone A, in der auch Betlehem liegt, wird von den Palästinensern selbst verwaltet und kontrolliert. Vor allen dort herrscht oftmals Mangel und Anarchie, einerseits bedingt durch die isolierte wirtschaftliche Lage hinter der israelischen Sicherheitsmauer, andererseits durch den rechtlich immer noch nicht definierten Status der Bewohner in den Flüchtlingslagern, die seit 1948 bestehen.

Aus den anfänglich 950000 Flüchtlingen dort sind heute 7,3 Millionen geworden, denn ihre Kinder werden automatisch auch zu Flüchtlingen. Ihre Lager sind schon längst keine Zeltlager mehr. In einem wohnen in Betlehem auf 1 qkm 15000 Menschen in eng gedrängten Häuserreihen. Die Höhe dieser Häuser ist vom israelischen Militär auf 27 Meter beschränkt, um freies Schussfeld zu erhalten. Die Straßenschilder der engen Gassen werden von ihren Bewohnern regelmäßig abmontiert, um dem Militär Razzien zu erschweren. Auch deren an die Häuserwände angebrachten Kennzeichen übermalt man. Die Bewohner besitzen seit 1948 offiziell einen Flüchtlingsstatus, die UN sollte eigentlich ihre Versorgung übernehmen. Doch sie werden United Nothing genannt, denn sie kümmern sich nur mehr um die Müllentsorgung und liefern manchmal ein paar Säcke Mehl. Die Elektrizitäts- und Wasserversorgung unterliegen den israelischen Behörden und diese liefern unregelmäßig. Die dadurch benötigten Wassertanks auf den Flachdächern füllen sich alle 7 bis 10 Tage, je nachdem wie hoch der Wasserverbrauch der israelischen Siedlungen ist. Denn deren Versorgung hat Vorrang, obwohl das Wasser unter palästinensischem Land abgepumpt wird.

Auf dem obersten Betonboden eines niemals fertig gewordenen Hausskeletts steht zwischen hervorstehenden Eisenarmierungen und Treppenhäusern ohne Treppen, aber mit einem 20 Meter tiefen Abgrund, der 32-jährige Ahmed, ein Flüchtling der 4. Generation. Er kam schon viel herum in der Welt, aber nicht wegen einer Urlaubsreise. Geboren als Kind einer Christin und eines muslimischen Palästinensers in Kuwait, musste die Familie nach Syrien und Ägypten fliehen, bis sie in ihr „gelobtes“ Land Palästina kamen – in ein Flüchtlingslager. Doch sie, wie viele andere Palästinenser, wollen ihren Flüchtlingsstatus behalten und gehen hier nicht mehr weg. Palästina war und ist ihre Heimat, als offiziell anerkannte Vertriebene erhalten sie sich ihre Hoffnung einmal wieder in ihre besetzte Heimat zurückkehren zu können. Dies ist natürlich nicht im Sinne des Staates Israel. Er will, dass die Flüchtlinge in andere Länder oder in die Zone A auswandern und fördert dies mit rigorosen Maßnahmen: Ahmed erzählt, dass ein Steinwurf auf einen Polizisten bis zu 23 Jahre Haft nach sich ziehen kann, nächtliche Razzien sind an der Tagesordnung.

Dann runzelte Ahmed seine Stirn und meint ironisch, dass es heute noch gute Zeiten sind, im Gegensatz zu den Anfängen in den Lagern, nachdem die Zelte abgebaut wurden und Baracken aufgestellt. Die Familien mit 5-10 Personen wohnten damals in 3 mal 3 Meter großen Räumen. Für 6000 Flüchtlinge standen jeweils 6 Toiletten zur Verfügung. Verhängte das israelische Militär eine Ausgangssperre, durfte man nicht einmal mehr die Tür öffnen oder die Toilette benützen. Die Scharfschützen auf den Wachtürmen schossen sofort auf jeden, der gegen die Anordnung handelte. Manchmal warfen einige Freiwillige während der mehrtägigen Ausgangssperren unter Lebensgefahr Lebensmittel in die Räume. Man kann in einigen der alten Lagerbaracken noch das kleine Loch über der Tür erkennen, das man einst dafür heraus brach. Wurden diese Freiwilligen verhaftet, erhielten sie wegen Ausübung eines terroristischen Akts regelmäßig 34 Jahre Haft. Diese Verhältnisse sind nun zwar Vergangenheit, erklärt Ahmed, nicht aber das Misstrauen und der Hass, der sich in all den Jahren auf beiden Seiten über Generationen aufbaute. Viele sind bereit zu verzeihen, aber nicht zu vergessen. Auch Ahmed nicht.

Szenenwechsel: Die Milchgrotte in Betlehem, in der laut Tradition Maria bei einer Rast ihr göttliches Kind stillte. Das Heiligtum wird von einem Franziskaner betreut. In der Grotte beten Frauen oftmals verzweifelt um Erfüllung ihres Kinderwunsches, berühren den weißen Kalkfelsen der Grotte, der sich, wie eine fromme Legende mitteilt, nach einem Milchtropfen aus der Brust Mariens weiß färbte. Wird an diesem Ort ein Kind ersehnt, werden unweit davon im La Creche-Waisenhaus die unerwünschten, weggeworfenen Kinder versorgt. Dies geschieht durch Vinzentinerinnen, die sich der ledig geborenen und ausgesetzten Waisenkinder annehmen. Diese Kinder schafften es nur hierher, weil die palästinensische Polizei schneller war, als die streunenden und hungrigen Hunde Betlehems.

Auch im Inzest gezeugte Kinder droht eine Aussetzung. Der Mauerbau isoliert die Familien und lässt die moralische Situation unter den Palästinensern im Westjordanland immer schwieriger werden. Sie sind eingesperrt und ihrer Kontakte zu anderen Familien beraubt. Aus religiösen Gründen verbergen unverheiratete Mädchen oftmals ihre Schwangerschaft, ihnen droht sonst bei Muslimen der Tod. Die jungen Frauen werden zur Schande der Familie. Manchmal tötet man auch die Kinder nach der Geburt. Die Kinder, die es lebend in das Waisenhaus schafften, erhalten in der muslimischen Gesellschaft keinen Namen, sie haben keine Familie und sind rechtlos. Sie sind buchstäblich „nichts“ und dürfen nach islamischem Recht nicht adoptiert werden. Wachsen sie in der Fürsorge einer islamischen Familie auf, sind sie nicht erbberechtigt und dürfen den Familiennamen nicht tragen. Manche von ihnen kommen auch in einem SOS-Kinderdorf unter. Aus einem kleinen Nichts wird später ein erwachsenes Nichts, das keinen Pass erhält.

Vor der Tür des Waisenhauses finden die Schwestern jeden Morgen anonyme Spenden: Fladenbrot, Obst, Kleidung. Die Schwestern kümmern sich liebevoll um die Kleinen, aber können keine Eltern ersetzen. Die Kinder sehnen sich nach ihnen, werden oftmals aggressiv zu anderen Kindern, da diese Konkurrenten für die Aufnahme in Fürsorgefamilien sind. Viele der Kleinen sitzen schüchtern in einer Ecke, klammern sich an einem Stofftier und blicken ängstlich, aber auch neugierig gespannt auf Besucher, denen sie manchmal zögernd ihr Händchen entgegen strecken.

Besser haben es da sicherlich die in intakten Familien aufwachsenden Babys. Werden sie jedoch krank, steht im ganzen südlichen Westjordanland nur ein Krankenhaus zur Verfügung: Das Caritas Baby Hospital in Betlehem. Benedikt XVI. besuchte es bei seiner Hl. Land Reise. Es gibt dort eine Frühgeborenenstation, aber keine chirurgische Abteilung, Kinder werden bis zu 14 Jahren behandelt. Wird ein chirurgischer Eingriff notwendig, muss das Kind nach Jerusalem verlegt werden. Dazwischen liegen jedoch die 9 Meter hohe Sicherheitsmauer und der Checkpoint. Dorthin fährt man das Kind mit einem palästinensischen Krankenwagen, dann wird es in einen Krankenwagen aus Israel umgeladen, selbst bei Notfällen: zeitaufwändig und bürokratisch. Aber wenigstens erwartet es in Jerusalem eine hervorragende ärztliche Versorgung.

Die palästinensische Chefärztin des Baby Hospitals studierte in Würzburg und klärt deshalb in gutem Deutsch über die häufigsten Erkrankungen der Kinder auf. Es sind Magen- und Darmerkrankungen, gefolgt von Atemwegserkrankungen. Auch viele erblich bedingte Stoffwechselerkrankungen, Darm ohne Nervenverbindungen, kommen vor, weil man innerhalb der Familie heiratet. Das Krankenhaus benötigt 8 Millionen Euro im Jahr an Spenden, um den Betrieb aufrechterhalten zu können. Von den oftmals armen Familien wird meist nur ein symbolischer Betrag für Behandlungen verlangt, von staatlicher Seite kann keine Hilfe erwartet werden.

Betlehem, jener Ort, an dem der Retter der Welt geboren und Gott in Jesus Christus Mensch wurde, trägt heute auch sein Kreuz. Hier leben die Ausgegrenzten, Verwundeten, Gefangenen, zum Tode verurteilten, wie auch der Herr es war. Unweit auf dem Hirtenfeld wurde den Völkern vom Engel eine große Freude verkündet. Diese Freude bleibt, auch wenn sie in Betlehem nicht sogleich erkennbar ist. Denn es ist eine viel größere Freude, nicht von und in dieser Welt.

der emmauspilger

S.D.G.

Buchtipp zu La Creche: Michael Ragsch, Prof. Dr. Paul Georg Knapstein: Sterne von Bethlehem. Die verlassenen Kinder einer heiligen Stadt. Patris-Verlag ISBN: 978-3-87620-346-1

Links:

http://www.kinderhilfe-bethlehem.ch/de/

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