Steckbrief: Simon von Zyrene

In einer recht kurzen Erwähnung im Matthäusevangelium (27:32) begegnet uns Simon von Zyrene. An der 5. Kreuzwegstation hilft er Jesus das Kreuz tragen. Was sagt der kurze Text im Evangelium über den Mann aus Zyrene aus? Zyrene war die Hauptstadt der römischen Provinz Cyrenaika, welche in Nordafrika lag. Im Osten grenzte Ägypten an, im Westen die große Syrte im heutigen Libyen. Griechen gründeten die Stadt ca. 632 v. Chr., sie kam 321 v. Chr. unter ptolemäische Herrschaft. Vom jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus erfährt man, dass Ptolemäus I. (304-282 v. Chr.) jüdische Ansiedler in die Gegend sandte, um seine Herrschaft zu festigen (Gegen Apion, 11.4). Die Römer eroberten 96 v. Chr. Zyrene und die Provinz.

Josephus überliefert ein Zitat von Strabo, der 85 v. Chr. die Bevölkerung von Zyrene beschreibt: „In der Stadt der Kyrenäer gab es vier Klassen: Bürger, Ackerbauern, Mietwohner und Juden“ (Ant XVI.7.2). Im 1. Buch der Makkabäer (15:23) wird ein römisches Dokument zu Gunsten der Juden erwähnt, weshalb man das Zusammenleben von Juden mit der übrigen Bevölkerung nicht als problemlos bezeichnen kann. Erst im Jahre 14 stellt Kaiser Augustus und Marcus Agrippa die jüdischen Rechte wieder her (Ant. XVI.6.1f.).

Wie die meisten Juden unterhielten auch jene aus Zyrene enge Verbindungen zu ihrer Heimat im Hl. Land. In der Apostelgeschichte (6:9) wird eine eigene zyrenische Gemeinde und Synagoge erwähnt. Auch an den Wallfahrtsfesten nahmen sie teil (Apg 2:10). Zyrene spielte auch bei den blutigen Auseinandersetzungen der jüdischen Diaspora im östlichen Römerreich eine große Rolle, dem sogenannten Kitos-Krieg (tumultus iudaicus) zwischen 115 und 117. Kaiser Hadrian baute das zerstörte Zyrene dann wieder auf und schenkte ihr zahlreiche öffentliche Bauten, so auch ein Amphitheater. Die wohlhabende Stadt ist bis 365 nachgewiesen, als sie durch ein Erdbeben zerstört wurde.

Zwar erfährt man aus dem Text des Evangeliums nicht, dass der Mann aus Zyrene ein Jude war, aber das verrät sein Name: Simon ist die griechische Form von hebräisch Schimon, was „Gott hat erhört“ bedeutet. Warum hielt sich überhaupt ein Jude aus der nordafrikanischen Diaspora in Jerusalem auf? Da der zeitliche Rahmen des Textes das jüdische Osterfest umfasst, kann man daraus schließen, dass Simon ein frommer Wallfahrer war, der das religiöse Gebot aus Dtn 16:16 erfüllte. Männliche Juden der Diaspora sollen wenigstens einmal in ihrem Leben eine solche Wallfahrt durchführen. Normalerweise werden sie dabei von Familienmitgliedern begleitet.

Ob Simon diese Wallfahrt in Begleitung durchführte, wird nicht berichtet, jedoch weiß das Evangelium noch von zwei seiner Söhne, Alexander und Rufus. Diese biblische Erwähnung kann bedeuten, dass die beiden in der urchristlichen Gemeinde recht bekannt waren. Der Hl. Paulus lässt am Ende seines Römerbriefs (16:13) einen Rufus grüßen, „der vom Herrn auserwählt ist“, was auf eine Funktion in der Gemeinde schließen lässt. Allerdings kann allein die Nennung eines geläufigen Namens nicht automatisch bedeuten, dass beide Personen identisch sind. Bei dem anderen erwähnten Sohn Alexander gibt es jedoch einen Nachweis: Im Jahr 1941 stieß man nämlich bei Ausgrabungen im Kidrontal auf ein Felsengrab aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. mit elf Ossarien. Das sind steinerne Kästen für die Zweitbestattung von Gebeinen. Einer der Kästen besitzt eine interessante Aufschrift auf den beiden Längsseiten, die auf Griechisch lautet: „Alexander (Sohn) des Simon“. Der Deckel hat dieselbe Aufschrift, darunter einige hebräische Buchstaben, die nach dem Namen „Alexandros“ noch das aramäische Wort „der Kyrenäer“ anfügen. Es ist unwahrscheinlich, dass es zu jener Zeit noch eine zweite Person gab, auf die dieselben Merkmale zutrafen, als bei Alexander, dem Sohn von Simon aus Zyrene.

Um einen normalen Ackerbauern dürfte es sich bei Simon also nicht gehandelt haben, obwohl er um die Mittagszeit „vom Feld“ kam. Diese Anmerkung im Evangelium bezieht sich wohl darauf, dass während des Pesachfestes eine gewaltige Menschenmenge nach Jerusalem strömte und die Stadt diese Massen nicht fassen konnte. Die Pilger waren aber verpflichtet in der Stadt zu übernachten, weshalb man ihre Grenzen soweit ausweitete, dass die umliegenden Dörfer mit eingeschlossen wurden (Mischna Menachot 7.3; 11.2). Auch Jesus und seine Jünger waren während des Pesach in Betanien einquartiert (Mt 21:17). So wird Simon gerade von seiner auswärtigen Unterkunft „im Feld“ in die Stadt gewandert sein, um noch einige Besorgungen für das Fest zu tätigen und den Tempel zu besuchen, als er auf den Herrn traf.

Der Kreuzweg des Herrn begann am Prätorium des Pilatus und endete an der Hinrichtungsstätte Golgota. Die Lage dieses Ortes hat sich in der christlichen Überlieferung erhalten, das Prätorium jedoch wurde im ersten jüdischen Krieg (66-70) zerstört. Deshalb blieb der Ort der Verurteilung des Herrn auch nicht einheitlich in den Erinnerungen bestehen. Zudem waren die Burg Antonia und der Palast des Herodes, beide mögliche Stätten dieser Verurteilung, von römischem Militär (X. Legion) besetzt und unzugänglich. In byzantinischer Zeit (326-638) betrachtete man die Kirche St. Sophia als „Haus des Pilatus“ und möglichen dritten Ort der Verurteilung. Seit der Kreuzfahrerzeit beginnt bis heute der Kreuzweg, die Via Dolorosa, an der ehemaligen Burg Antonia. Forschungen belegen jedoch, dass der Palast des Herodes das „Prätorium“ des Pilatus war. Der ursprüngliche Kreuzweg führte demnach durch die Oberstadt, südlich der heutigen Zitadelle, in nördlicher Richtung zur Stadt hinaus.

Simon wird auf seinem Weg vom ausgelagerten Quartier in den umliegenden Feldern in die Stadt ein Trupp römischer Legionäre begegnet sein, welche drei zum Tode Verurteilte mit sich führten. Sie trugen einen Querbalken auf ihren Schultern, der 35 bis 40 Kilo wog. Der senkrechte Kreuzbalken, der Pfahl, war an der Richtstätte bereits vorhanden. Simon wusste aus den Tafeln, die voran getragen wurden, dass es sich bei zwei dieser Verurteilten um Räuber handelte, keine gewöhnliche Kriminelle, sondern Aufrührer und Rebellen. Der dritte Delinquent wurde als „rex iudaeorum“ bezeichnet, „König der Juden“. Der Zug ging an meist uninteressierten Leuten vorüber, das bevorstehende Fest beschäftigte sie ausreichend. Ebenso zollte man den Besatzern für ihre Hinrichtungen sowieso keine große Beachtung, ja mehr Verachtung.

Doch plötzlich brach einer der Verurteilten, jener, der als „König der Juden“ tituliert wurde, unter der Last des Kreuzbalkens zusammen. Im selben Augenblick löste sich der römische Offizier aus dem Trupp und packte den völlig überraschten Simon am Arm. Mit scharfem Ton befahl der Offizier Simon dem Delinquenten den Kreuzbalken abzunehmen und selbst bis zur Richtstätte zu tragen. Dort fand der Mann aus Zyrene keine Erwähnung mehr, doch wird er später zu einer wichtigen Gestalt einer gnostischen Häresie, dem Doketismus. Sie behauptet, Jesus Christus hatte keinen wirklichen physischen Körper, konnte deshalb nicht leiden und auch nicht am Kreuz sterben. An seiner Stelle war es Simon, der gekreuzigt wurde. Nach der konstantinischen Wende zogen sich die Vertreter dieser Häresie aus dem Hl. Land zurück und fanden Aufnahme im arabischen Raum. Dort hörte 300 Jahre später Mohammed auf ihre Erzählungen und ließ sie in den Koran einfließen.

Simon von Zyrene erhielt keine Aufnahme in die Schar der Heiligen der Kirche. Nur in der Kreuzwegandacht erlangte er einen festen Platz. Simon soll uns darauf hinweisen, dass auch wir das Kreuz des Herrn und unser Kreuz bereitwillig aufnehmen müssen. Durch diese Episode zeigt uns der Herr zudem, dass auch wir in der Not, im Leid, im Alter demütig Hilfe annehmen dürfen, denn selbst der Sohn Gottes gestattete es, sich von einem Menschen helfen zu lassen. Und wie Simon kann uns dieses Kreuz völlig unerwartet treffen, in unserer Geschäftigkeit des Alltags ebenso, wie in der Vorfreude eines Festes.

der emmauspilger
S.D.G.

Quellen: Bösen, Willibald: Der letzte Tag von Jesus von Nazaret. Was wirklich geschah. Herder 1994; Hesemann, Michael: Jesus von Nazareth. Archäologie auf den Spuren des Erlösers. Augsburg 2009; Kroll, Gerhard: Auf den Spuren Jesu. Innsbruck 1975.

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