Der Fischfang im See Gennesaret zur Zeit Jesu

Im Jahre 1986 fand man bei Niedrigwasser am Westufer des Sees Gennesaret im Schlamm nahe des Ufers Reste eines Bootes. Die archäologischen Untersuchungen ergaben, dass es aus der Zeit Jesu stammte. Der Rumpf des Bootes besteht hauptsächlich aus Libanonzeder und Eiche, seine Maße betragen in der Länge ca. 8,8 Meter, Breite ca. 2,5 Meter und Höhe ca. 1,25 Meter. Das Heck war breit, der Bug schmal, Ruder und ein viereckiges Segel bewegten das Boot vorwärts. Am Bug und am Heck gab es ein Deck, wobei hinten der Steuermann stand und die Fischernetze lagen. Der Bereich am Achterdeck war trocken und geschützt, es war wohl jener Platz, an dem Jesus während des Sturms schlief (Mk 4:38).

Jesus benutzte solche Boote auch als Bühne für seine Predigten (Mk 3:9; LK 5:3). Dadurch konnte er sich großen Menschenmengen entziehen, nutzte aber auch die gute Akustik über die Wasseroberfläche hinweg. Dabei setzte sich Jesus ins Boot, ganz der Tradition jüdischer Lehrer folgend. Das Deck im Heck des Bootes war dafür der ideale Platz. Später wurde das Motiv des Bootes und von Fischernetzen in der christlichen Kunst im Kirchenbau auch für Kanzeln verwendet.

Die Besatzung des Bootes betrug mindestens fünf Mann, vier Ruderer und ein Steuermann. Das Boot konnte dabei auch 15 Personen aufnehmen, also problemlos Jesus und seine 12 Apostel. Es diente sowohl dem Fischfang als auch dem Personen- und Warentransport. Dafür spricht die enge wirtschaftliche Verbindung der beiden Städte Tiberias am Westufer und Hippos (aramäisch: Susita), am Fuß des Golan gelegen. In der rabbinischen Literatur gibt es dazu eine Redensart „wie von Tiberias nach Susita“.

Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus Flavius berichtet, dass solche Boote auch während der jüdischen Aufstände unter Vespasian im Jahr 67 in kriegerischen Auseinandersetzungen verwendet wurden. Dabei kam es zu Kämpfen der Römer auf Flößen mit den Rebellen auf dem See im Bereich der Städte Tiberias und Magdala. Damals siegten die Römer und vernichteten die Flotte der jüdischen Rebellen.

Erst in der hellenistisch-römischen Zeit begann sich der Fischfang als wirtschaftlicher Faktor der Region zu entwickeln. Von Bedeutung war die Lieferung von Salz aus dem Toten Meer, welche das Pökeln des verderblichen Fisches ermöglichte. Zentrum der Fischverarbeitung und des Fischhandels war Magdala, dessen Namen hebräisch Migdal Nunaija bedeutet, Turm der Fische. Die Stadt gab sich selbst sogar den griechischen Namen Taricheae, das sich von tarichos, eingesalzener Fisch, ableitet, also quasi eine eingängige Werbekampagne für den bis nach Rom gelieferten Fisch.

Die Fischer am See arbeiteten auf genossenschaftlicher Basis. Dabei spielte die Familie eine große Rolle. Von den 18 Fischarten ist vor allen die Kinneret-Sardine wirtschaftlich interessant, man kennt sie vom biblischen Bericht der Speisung der Viertausend (Mt 15:34; Mk 8:7), wo von „kleinen Fischen“ die Rede ist. Der sogenannte Petrus-Fisch gehört zu den drei Arten von Barben im See.

Zum Fischfang selbst wurden drei verschiedene Arten von Netze benützt. Der griechische Text des Neuen Testaments unterscheidet sie: Das amphiblestron, ein rundes Wurfnetz (Mt 4:18; Mk 1:16), die sagene, ein Schlepp- und Zugnetz (Mt 13:47) und das diktyon, was „Netz“ heißt, aber eigentlich ein Geflecht von mehreren Netzen ist und meist im Plural diktya gebraucht wird (z.B. Mk 1:18; Lk 5:2). Doch auch Angeln kamen beim Fischfang zum Einsatz (Mt 7:27).

Wie der Fischfang mit der „sagene“ funktionierte, wird in Mt 13:47-50 anschaulich beschrieben. Das Zugnetz war 250 bis 300 Meter lang, in der Mitte 8 Meter, an den Enden 3 bis 4 Meter hoch. Es wurde in einiger Entfernung vom Land zwischen zwei Booten ausgespannt. Beim Fahren hin zum Ufer übergab man dort den wartenden Männern die beiden Zugseile an den Enden des Netzes. Sie zogen dann den Fang an den Strand. Der Fang bestand aus allerlei Fischarten, so dass die Bemerkung im Evangelium korrekt ist, dass die am Strand sitzenden Fischer die Fische sortierten. Diese Sortierung erfolgte nicht nur nach „gut“, also essbar, sondern auch danach, ob der Fisch koscher und damit rituell rein war. Er musste Schuppen und Flossen haben (Dtn 14:9-10). Deshalb sind die Welse im See Gennesaret nicht koscher.

Das Angeln von Fischen wird in den Evangelien im Zusammenhang mit der Bezahlung der Tempelsteuer erwähnt (Mt 17:24-27). Diese musste laut der Mischna (Schekalim 1.3) am ersten Tag des Monats Adar (Februar/März) entrichtet werden. Am 15. Adar begannen die Geldwechsler in den Provinzen mit dem Einsammeln des Betrags. Er betrug einen halben Schekel (Ex 30:13) und musste von jedem jüdischen Mann über 20 Lebensjahre bezahlt werden. Die in Mt 17:24 erwähnte Doppeldrachme war zur Zeit Jesu nicht mehr im Umlauf, der Text weist also nur auf die Höhe der Tempelsteuer hin. Das in Mt 17:27 genannte Vierdrachmenstück (statera) entsprach dem Wert von einem Schekel und genügte, um die Tempelsteuer von Jesus und Petrus zu bezahlen. Dieser hatte sicherlich kein Problem im Februar/März in Kafarnaum mit der Angel einen Fisch zu fangen, denn im abgekühlten Wasser des Winters ziehen sich die Fische in den wärmeren Nordteil des Sees zurück. Der heute bei Touristen beliebte Petrus-Fisch, der „Muscht“, ist ein Planktonfresser und wird nicht mit der Angel gefangen. Deshalb war es wohl eine Barbe, die mit Sardinenködern geangelt wird, die Petrus aus dem See holte. Später wurde, nach der großen Nachfrage von Pilgern, die einen „Petrus-Fisch“ essen wollten, der häufiger vorkommende „Muscht“ serviert, der zudem schnell und schmackhaft zubereitet werden kann.

der emmauspilger
S.D.G.

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