Das Experiment Glaubenserfahrung

Der Glaube verdunstet, Atheismus und Esoterik auf dem Vormarsch, zu wenig Evangelisierung, die Kirche im Streit, das sind einige Schlagzeilen, die Christen heute auszuhalten haben. Die Kirche hat den Auftrag zur Evangelisierung und zur Stärkung des Glaubens an Jesus Christus und der Gläubigen. Am Haupt dieser Kirche, Jesus Christus, der Allmächtige, kann es nicht liegen, dass dieser Auftrag gerade in Europa unzureichend ausgeführt wird, schließlich hat er den Hl. Geist gesandt und versprochen bei seiner Herde zu sein, alle Tage, bis zum Ende der Welt (Mt 28:20). Christen sind die Glieder seiner Kirche in der Welt – seine Arme, Füße, Zunge und Auge, aber vor allen in Europa wirken diese kaum für ihn. Die Kraft, die geistige Inspiration sind vorhanden, aber eines scheint zu fehlen: Das absolute Ja vieler Christen zum lebendigen Gott oder persönlicher formuliert: Die ganz eigene Glaubenserfahrung.

Man darf dies nicht als Vorwurf auffassen, Christen glauben zu wenig. Aber nicht vielen schenkt heute Gott eine Glaubenserfahrung wie Moses im brennenden Dornbusch oder man fällt vom Pferd, wie der Hl. Paulus, um eine Gottesvision zu erhalten. Glaubenserfahrungen muss man in der heutigen Zeit zulassen, denn das Staunen ist Mangelware. Alles ist wissenschaftlich erklärt oder wird irgendwann wissenschaftlich erklärt. Manchmal weigert man sich auch zum Staunen, weil man gerade in der Kirche die Sicherheit des Altbewährten dem unvorhersehbaren Neuen vorzieht. Da wird das andere, neue, dann oftmals eher dem Wirken des Widersachers zugestanden, als dem Hl. Geist. Denn die Kernfrage, die sich jeder Christ stellen muss, lautet: glaube ich an den lebendigen Gott?

Unvorhersehbare Veränderungen der Lebensumstände werden gerne als Zufall, als Schicksal bezeichnet. Und alles, was durch eigenes Zutun zu Gutem und Richtigem geführt hat, spricht man sich selbst zu. „Selbst ist der Mann“, „jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“, das sind die Slogans jener Selfmade-Generation, bei der einzig die eigene Leistung zählt. Das Wirken Gottes hat bei all dem keinen Platz. Bei Katastrophen, Schicksalsschlägen, kurz: bei der Frage nach dem Leid, da kommt dann oftmals selbst bei Atheisten doch Gott ins Spiel. Natürlich als rachsüchtiger, liebloser Gott, der Menschen aufgrund ihrer Verfehlungen leiden lässt. Auch Christen verfallen gerne diesem verzerrten Gottesbild eines Erbsenzählers im Himmel, der unbarmherzig straft. Nach diesem Gottesbild ist der Mensch verantwortlich für das, was ihm angetan wird, weil er
– nicht genug glaubt(e)
– nicht das Richtige glaubt(e)
– in der falschen Gemeinde oder Kirche ist
– nicht genug betet(e)
– es an der Gottesfurcht mangeln lässt/ließ
– ein Sünder ist und zu seinem eigenen Besten gezüchtigt werden muss
– sowieso nicht zu den „Auserwählten“ zählt, weil Calvin das so entschieden hat
– nicht dankbar ist für alles
– so schlecht und verdorben ist, dass er alle Schikanen, Qualen, Ungerechtigkeit und so weiter ganz einfach verdient hat und sich deshalb besser nicht beklagen sollte.

Die einzige Lösung heraus aus diesem Gottesbild und der sich anbahnenden Resigantion europäischer Christen sehe ich darin, Glaubenserfahrungen einfach wieder zuzulassen, sie auch zu suchen, dem lebendigen Gott Raum zu geben im eigenen Leben. Was hindert mich daran das Wort Zufall wörtlich zu nehmen? Von Höherem wird mir etwas gereicht, es fällt herab und mir zu, als Fügung Gottes. Und da Gott in seiner Essenz Liebe ist, kann es für mich nicht schlecht sein. Natürlich muss ich dabei stets prüfen, ob nicht meine eigene Lieblosigkeit gerade etwas Schlechtes verursachte. Aber selbst in solch einem Fall kann ich sicher sein: Wende ich mich wieder dem lebendigen Gott der Liebe zu, dann wird er aus diesem von mir verursachten Schlechten Gutes gestalten, auch durch mich. Ebenso gibt es kein Schicksal, schon gar nicht im Sinne eines Karmas fernöstlicher Lehren.

Es ist ein Experiment: Wenn ich meinen Job verloren habe, sehe ich es als Schicksalsschlag oder Chance? Nachdem ich prüfe, ob nicht meine eigene Lieblosigkeit dazu geführt hat, kann ich es durchaus Gott zutrauen, dass es sein Wille war. Aber nicht, um mich zu strafen, sondern vielleicht, dass ich am neuen Arbeitsplatz den für mich gottgewollten Partner fürs Leben finde, dass ich dort als Christ eine Seele für Gott rette, dass ich dort die mir geschenkten Talente besser nutzen kann und persönlich mehr Freude am Leben erlange.

Es ist ein Experiment: Wenn ich eine geliebte Person verloren habe, sehe ich es als Strafe Gottes oder als dessen von Liebe getragenen Ratschluss? Ich kann es Gott durchaus zutrauen, dass er diesen Menschen zum idealen Zeitpunkt zu sich rief, bei dem er in seinem Leben Gott am nächsten stand, dass er durch die Gerechtigkeit Gottes gerichtet wird, die Jesus Christus im Glauben für ihn erworben hat und dass dies ein barmherziger Gott ist, bei dem der Verstorbene nun voll Seligkeit weilt. Ich kann es Gott durchaus zutrauen, dass er den Hinterbliebenen Menschen und Situationen schickt zum Trost, zur Erbauung und vor allen seine persönliche Kraft im Hl. Geist, damit sie erkennen, für was Gott sie in ihrem Leben noch gebrauchen will, für was er sie umgestalten will, damit sie Freude in ihm schon in diesem Leben erhalten.

Es ist ein Experiment: Wenn das nächste Mal eine Katastrophe Tausende unschuldiger Menschenleben fordert, sehe ich es als Strafe Gottes oder als Wirkung einer Menschheit, die Gottes Liebe zurückweist oder für sich behält und nicht weitergibt? Ich kann es dem Menschen durchaus zutrauen, dass die durch Habgier abgeholzten Regenwälder ein Klima verursachen, die Überschwemmungen, Taifune hervorrufen, die anderen Menschen Leid zufügen. Ich kann es dem Menschen durchaus zutrauen, dass er durch Gewinnsucht Bohrungen, Grabungen und Sprengungen durchführt, die Erdbeben verursachen, die anderen Menschen Leid zufügen oder dass er aus mangelnder Liebe und damit im gottlosen, fanatischen und religiösen Rausch Andersdenkende tötet.

Es ist ein Experiment: Wenn ich die Hl. Kommunion empfange, im Gebet oder der Anbetung vor dem eucharistischen Leib verweile, weiß ich denn, dass ich das Du eines lebendigen Gottes vor mir habe? Ich kann es Gott durchaus zutrauen, dass sein Leib in mir Heilung schenkt, dass sein Wort Wahrheit ist, dass mein in Gottes Willen gesprochenes Gebet Gehör findet, dass sein eucharistischer Leib in der Anbetung Freude hat, wenn ich Gemeinschaft mit ihm suche, damit ich bereits in dieser Welt lebendig werde und seine ganze Fülle an Liebe, Trost und seine Kraft genießen kann.

Es ist ein Experiment: Wenn ich das Evangelium in der Hl. Messe höre oder selbst die Hl. Schrift lese, ist es mir bewusst, dass Gottes Wort die ganze Schöpfung hervorbrachte und auch in mir schöpft? Ich kann es Gott durchaus zutrauen, dass Gott mir ganz persönlich ein Wort zuspricht, welches mich verändern, heiligen soll, dass es die Wahrheit ist, die dort spricht und nach ihrem Wort handelt.

Es gibt viele Experimente dieser Art, in denen ich Gott als das betrachten kann, was er ist: Ein liebender, ein barmherziger Gott. Irgendwann beweisen diese Experimente dann bald jedem, der sie durchführt, die Wahrheit und Jesus, der sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14:6). Gott ist wahr, ist da, er ist lebendig und er gibt uns eine Richtung! Es sind oft die kleinen Momente, ein sanftes, leises Säuseln (1Kön 19:12), in denen Gott gegenwärtig ist, in denen man seine persönliche Glaubenserfahrung zulassen kann. Es sind die persönlichen Glaubenserfahrungen, die Christsein authentisch machen und so fällt es leicht in der Kirche des Herrn dessen Arme, Füße, Zunge und Auge zu sein, für Gott selbstlos aus Liebe zu wirken. Jeder Christ braucht seine persönliche Glaubenserfahrung und er kann sicher sein, dass sie ihm von Gott geschenkt wird, wenn er sie zulässt. Die Worte Jesu: „Wird freilich der Menschensohn, wenn er kommt, den Glauben finden auf Erden?“ (Lk 18:8), betreffen nicht allein die Gottfernen, die Atheisten, sie betreffen gerade seine Herde. Werden sie die Erfahrungen des Glaubens finden, erkennen, zulassen, die Gott ihnen schenken will?

der emmauspilger
S.D.G.

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