Fastenzeit, Passionszeit – Hoffnung inmitten der Herrschaft des Todes

Papst Benedikt XVI. - Joseph Katdinal Ratzinger

Papst Benedikt XVI. – Joseph Kardinal Ratzinger

Am Ende der Fastenzeit steht Hoffnung, die Auferstehung des Herrn. Zuvor jedoch durchlebte Jesus Christus seine Passion, eine Zeit, welche uns den Spiegel vorhalten soll.
Anlässlich der Eröffnung der Oberammergauer Passionsspiele am 18. Mai 1980 hielt Joseph Kardinal Ratzinger in der Pfarrkirche von Oberammergau eine Predigt, die er „Hoffnung inmitten der Herrschaft des Todes“ betitelte. Er ging darin auf die Schuld und die Schuldigen von Christi Passion ein, ganz im Geiste eines Kirchenlehrers. Hier ein Auszug der Predigt, der besonders zur Fastenzeit von Bedeutung ist:

Die Passion Christi ruft nicht nach Rache, sondern nach Versöhnung. Wenn in diesem Zusammenhang immer wieder die Frage nach der Schuld an Christi Tod gestellt wird, so möchte ich dreierlei dazu sagen. Als erstes zitiere ich den bekannten Exegeten Bo Reicke, der dazu sagt: „Die heute beliebte Frage nach der Verantwortung ist anachronistisch. Juden und Römer brachten Jesus um, nicht Israelis und Italiener“. Als zweites muss man daran erinnern, dass der christliche Glaube zwar von Erbsünde spricht, aber von dieser Grundverfassung des Menschen abgesehen, keine Kollektivschuld kennt. Auch für Christen gilt nach wie vor das Gotteswort aus dem Buch Deuteronomium: „Väter sollen nicht um ihre Kinder willen und Kinder nicht um ihrer Väter willen bestraft werden. Jeder soll nur für seine eigene Schuld den Tod erleiden“ (Dt 24:16).

Als drittes ist daran zu erinnern, dass nach christlicher Glaubenslehre aller Menschen Schuld, auch die unsrige, die Ursache des Kreuzes Christi ist. Der Catechismus Romanus, die offizielle Lehrgrundlage der katholischen Katechese nach dem Trienter Konzil sagt dazu: „Wenn also einer fragt, was die Ursache war, warum der Sohn Gottes das bitterste Leiden übernahm, so wird er finden, dass es außer der Erbschuld der ersten Eltern die Laster und Sünden waren, welche die Menschen vom Beginn der Welt bis zum heutigen Tag begangen haben und bis zum Ende der Zeit begehen würden“. Er fügt hinzu: „dass diejenigen, die in Schandtaten und Lastern leben, in sich selbst den Sohn Gottes kreuzigten und ihn zum Gespött gemacht haben. Während die Juden Christus nach dem Zeugnis des Apostels niemals gekreuzigt hätten, wenn sie ihn erkannt hätten, tun wir dies, obwohl wir ihn kennen und legen so gewissermaßen gewaltsam Hand an ihn“ (p I c 5,11). Das Gleiche bekennen wir in unseren Passionsliedern, so z.B. wenn wir singen: „Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen? Ach, meine Sünden haben dich geschlagen. Ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet, was du erduldet“.

In der Apostelgeschichte wird uns erzählt, dass die Antwort auf die erste Predigt des Hl. Petrus, die Predigt vom Kreuz und von der Auferstehung des Herrn, darin bestand, dass die Menschen einen heftigen Schmerz empfanden, ins Herz getroffen waren und fragten: Was sollen wir tun? (Apg 2:37f.). Wirkung und Sinn der Passion Christi kann und darf es niemals sein, dass die Frage entsteht: Wer war Schuld? Die rechte Wirkung kann es nur sein, dass wir fragen: Was sollen w i r tun? Denn recht verstanden haben wir die Passion Christi nur dann, wenn wir das Gefährliche von Hass und Feigheit erkennen, die Gefährlichkeit jenes Mitläufertums, ohne das das Böse keine solche Macht hätte in der Welt.

Recht verstanden haben wir die Passion Christi nur dann, wenn wir selbst den Kreuzweg mitgehen, wenn wir uns auf den äußeren und den inneren Weg Jesu einlassen und mit ihm und in ihm Versöhnte und Versöhnende werden. In der Passion Christi wird nicht die Schuld anderer dargestellt, sondern uns wird der Spiegel vorgehalten, aber vor allem: uns begegnet im gekreuzigten Christus die Liebe, die den Hass überwindet und die Sünde vergibt. Auf ihn haben unsere Väter in ihrer Not hingeblickt, in ihm inmitten der Herrschaft des Todes die Hoffnung gefunden, die sie neu leben lehrte. Auf ihn unseren Blick zu lenken und unter seinen Augen leben zu lernen, ist der tiefste Sinn der Passion Christi. In diesem Geist wollen wir sie begehen, als ein großes gemeinsames Gebet: Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze Welt erlöst.

der emmauspilger

S.D.G.

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