Christusorte – Betlehem

Betlehem - Geburtsgrotte

Betlehem – Geburtsgrotte

Gerade zur advent- und weihnachtlichen Festzeit rückt Betlehem regelmäßig in das Blickfeld auch gottferner Menschen. Die Krippe des Herrn stand in Betlehem. Aber ist Betlehem überhaupt der Geburtsort Jesu? Diese Frage stellen sich besonders liberale Theologen und Bibelwissenschaftler. Sie betrachten die biblische Erzählung im Matthäus- und Lukasevangelium über Geburt und Kindheit Jesu als „theologische“ und keineswegs als „historische“ Aussage. Jesus war nach ihrer Meinung ein Nazarener, also in Nazareth geboren. Was spricht für und was gegen diese Aussage?

Zuvor muss bedacht werden, dass es sich hier nicht um eine Glaubenswahrheit, sondern um eine historische Frage handelt. Das Glaubensbekenntnis stellt nur fest: „Geboren aus der Jungfrau Maria“. Historische Fragen lassen sich mit Gründen und Gegengründen abwägen, oftmals kommt man dennoch zu keinem endgültigen, absoluten Ergebnis. Diese verbleibenden Fragezeichen verunsichern den frommen Pilger im Hl. Land jedoch nicht.
Man versteht die unterschiedlichen Meinungen von Bibelwissenschaftlern besser, wenn man sich die Aussagen der Hl. Schrift über Geburt und Kindheit Jesu genauer betrachtet. Man stellt dabei fest, dass diese Ereignisse im Evangelium nicht im Mittelpunkt stehen. Auch Paulus hat kein Interesse in seinen Briefen eine Biografie Jesu einzuflechten, dennoch übermittelt er den Christen die älteste Weihnachtsgeschichte des Neuen Testaments. Im Brief an die Galater (Gal 4:4-7) schreibt er: „Als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn, geboren vom Weibe, geboren unter der Ordnung des Gesetzes, damit er die unter dem Gesetz loskaufte und wir die Anerkennung als Söhne empfingen. Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, der da ruft: Abba, Vater! Du bist also nicht mehr Sklave, sondern Sohn; wenn aber Sohn, dann auch Erbe durch Gott.“ Paulus vermerkt nichts über Jesu Geburtsort, nicht einmal den Namen der Mutter erwähnt er. Natürlich bedeutet das nicht, dass er davon nichts wusste, aber Paulus ist allein die Sendung des Gottessohnes in die Welt und die Geburt aus einer Frau wichtig. Damit wird nämlich auch den gläubigen Menschen die Sohnschaft Gottes geschenkt.

Paulus gibt noch eine kleine Ergänzung seiner Weihnachtsgeschichte im Römerbrief (Rö 1:1-3), als er seine Sendung erklärt: „Paulus, Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert für das Evangelium Gottes, das er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in Heiligen Schriften, von seinem Sohn – hervorgegangen aus Davids Geschlecht dem Fleische nach“. Man kann darin durchaus einen Verweis auf Betlehem als Geburtsort des Herrn erkennen, denn dort war Davids Heimat. Matthäus und Lukas betonen gleichfalls diesen Zusammenhang in ihren Evangelien. Die dort eingefügten Stammbäume wollen schließlich eine davidische Herkunft Jesu bezeugen.

Das älteste Markusevangelium jedoch übergeht Geburt und Kindheit Jesu vollständig. Markus interessiert nicht das Kind, sondern der erwachsene Jesus. Auch Johannes verschweigt in seinem am spätesten verfassten Evangelium die näheren Umstände von Jesu Geburt. Seine Hauptbotschaft fasst Johannes schon beim Eingangshymnus zusammen: „Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns“ (Joh 1:14a). Nur bei einem Streitgespräch der Leute über Jesus erwähnt Johannes Betlehem: „Andere sagten: ‚Dieser ist der Messias‘. Wieder andere: ‚Soll denn aus Galiläa der Messias kommen? Hat die Schrift nicht gesagt, daß aus dem Geschlechte Davids und aus dem Dorfe Bethlehem, wo David war, der Messias komme?‘“ (Joh 7:41-42). Zwar gibt der Evangelist darauf keine Antwort, andere Stellen seines Evangeliums (Joh 1:43-46) lassen jedoch vermuten, dass er die Herkunft Jesu in Galiläa ansiedelte.

Matthäus und Lukas geben dann Auskunft über die näheren Umstände von Jesu Geburt. Das Lukasevangelium prägt mit seiner Weihnachtsgeschichte unser Bild von Weihnachten. Matthäus ergänzt sie durch das Auftreten der Weisen aus dem Morgenland und Herodes. Beide Evangelien schöpften wohl aus verschiedenen Traditionen und lassen sich nicht leicht harmonisieren. Beide wissen aber vom Geburtsort des Herrn: Betlehem. Und zwar konkret jenes Betlehem, das unweit von Jerusalem liegt und aus dem König David stammte. Das andere Betlehem, von dem in Ri 12:8ff. gesprochen wird, und das zwischen Nazaret und Haifa liegt, ist eindeutig nicht gemeint. Interessant ist, dass in den Evangelien weiterhin der Name Betlehem nicht mehr auftaucht. Der erwachsene Jesus scheint seinen Geburtsort nicht mehr besucht zu haben.

Den klaren Aussagen der beiden Evangelien über Betlehem als Geburtsort des Herrn stehen zwei Gründe entgegen, welche die meisten Bibelwissenschaftler anführen. Alle vier Evangelien verknüpfen nämlich das Leben Jesu eng mit Nazaret. Man spricht von Jesus von Nazaret (etwa Mk 1:24), sie war seine Heimatstadt (Mk 6:1) und der Herr bezeichnet sie selbst als solche: „Ein Prophet ist nirgends so wenig geachtet wie in seiner Vaterstadt, bei seinen Verwandten und in seinem Hause“ (Mk 6:4). Lukas fügt hinzu, der Herr ist in Nazaret aufgewachsen (Lk 4:16) und das verwendete griechische Wort für „aufwachsen“ meint die Zeit vom Säuglingsalter bis zur Mündigkeit eines Menschen. Auch die Kreuzesinschrift verweist auf Nazaret (Joh 19:19). Aus all dem leiten einige Exegeten ab, dass Nazaret nicht nur Heimat, sondern auch Geburtsort Jesu war. Der Verweis auf Betlehem sei nur geschehen, um die im Alten Testament gegebene Verheißung (Mi 5:1) zu erfüllen, dass der Messias aus der Davidstadt Betlehem stammen würde. Matthäus und Lukas wussten natürlich von der Verheißung und wählten den Geburtsort, „damit die Schrift erfüllt wird“, wie es an vielen Stellen ihrer Evangelien heißt.

Dieses Bestreben der Evangelisten den Herrn als Messias darzustellen und dies durch Hinweise im Alten Testament zu bestätigen, darf jedoch nicht notwendigerweise dazu führen Orte und Ereignisse aus dem Leben Jesu in ihrer Richtigkeit und Historizität zu bezweifeln. So weist Matthäus auf eine Weissagung in Is 8:23 hin, warum Jesus mit der Verkündigung in Kafarnaum begonnen hat, und niemand wird bezweifeln, dass diese Ortsangabe nicht der historischen Wahrheit entspricht. Als Beweis für Nazaret als Geburtsort des Herrn kann dieses Prinzip also kaum herhalten, erinnert man sich zudem noch an die Einleitungsworte von Lukas in seinem Evangelium (Lk 1:3-4): „… habe auch ich mich entschlossen, allem von Anfang an sorgfältig nachzugehen und es dir der Reihe nach niederzuschreiben, erlauchter Theophilus, damit du dich überzeugst von der Zuverlässigkeit der Worte, von denen dir Kunde kam“. Dieser Zusicherung über die Richtigkeit seiner Worte kann man auch in seiner Geschichte von Geburt und Kindheit Jesu durchaus vertrauen.

Aufgrund der wenigen Hinweise in den Evangelien setzte eine Verehrung der Geburtsstätte des Herrn in Betlehem relativ spät in der christlichen Ära ein. Die Kirchen- und Apostelgeschichte erwähnt Betlehem nicht. Allerdings wurde die Geburtsstätte Jesu schon sehr früh im apokryphen Protoevangelium des Jakobus (17:2-18:1), das in der Mitte des 2. Jahrhunderts entstanden ist, in eine Höhle gelegt, obwohl in den Evangelien davon keine Rede ist. Das Protoevangelium lokalisiert diese Höhle nördlich von Betlehem in die Nähe des Rachelgrabes.

Eine zweite Erwähnung für eine frühe Verehrung von Jesu Geburtsort findet man bei Justin dem Märtyrer, der um das Jahr 100 in Nablus (Sichem) geboren wurde. Seine Schriften vermitteln einen frühen Einblick in das Urchristentum und in einem fingierten Dialog mit einem Juden, der um das Jahr 150 abgefasst wurde, schreibt Justin ausdrücklich von einer Höhle als Geburtsstätte des Herrn. Der Theologe Origines fügt als kundiger Kenner des Hl. Landes ein drittes Zeugnis über die Verehrung eines Geburtsortes des Herrn hinzu. Für ihn ist dieser Ort bereits als Wallfahrtsort der Urchristen etabliert. Die Höhle bei Betlehem kannte er aus eigener Anschauung und er erwähnt sie in seinem apologetischen Werk „Gegen Celsus“ (I 51). Diese Schrift entstand etwa um das Jahr 248. Der Hl. Hieronymus berichtet dann 395 in einem Brief an Paulus von Nola (Ep. 56,3), dass die Römer die Höhle profanierten und in eine heidnische Kultstätte zu Ehren von Tammuz (Adonis) verwandelten. Dies geschah um 250, während der Christenverfolgung unter Kaiser Decius. Es muss also bereits eine in christlicher Tradition verwurzelte Verehrung des Ortes stattgefunden haben, welche durch den Adoniskult verdrängt werden sollte.

Das Christentum siegte unter Konstantin über die heidnische Welt und bereits im Konzil von Nizäa wurde Betlehem in das Kirchenbauprogramm aufgenommen. Die Hl. Helena besuchte auf ihrer Pilgerfahrt ins Hl. Land im Jahr 324 Betlehem, wie der Kirchenhistoriker Eusebius berichtet. Sie förderte dort den Bau einer Basilika, die laut einem Reisebericht eines Pilgers aus Bordeaux schon vor 333 fertiggestellt war. Von diesem konstantinischen Bau gibt es heute nur mehr wenige Reste. Allerdings nicht aufgrund von Plünderungen oder Zerstörungen, sondern weil ihn Kaiser Justinian (527-565) grundlegend erneuerte und er in der Kreuzfahrerzeit wieder umgebaut wurde. Zentrum des Kirchenbaus blieb immer jene Grotte, über die er errichtet wurde. Der Kirchenhistoriker Eusebius von Cäsarea (263-339) bestätigt dabei in seiner Schrift die Authentizität des Ortes. Sowohl die Einheimischen als auch die Tradition bezeugen ihn als Geburtsort des Herrn.

Heute steigt man in der Geburtskirche von Betlehem über einige Stufen in die Grotte hinab, wo ein silberner Stern daran erinnert, dass hier Gott Mensch wurde. Die Zweifel einiger Theologen und Bibelwissenschaftler berühren dabei den Gläubigen nicht. Es sei an die Worte von Angelus Silesius erinnert: „Wär Christus tausendmal in Betlehem geboren – und nicht in Dir, Du bleibst doch ewiglich verloren“.

der emmauspilger

S.D.G.

Hier kannst du kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.